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Von Ausbeutung bis Corn Whiskey: Ein Augusta-Krimi

06. Apr 2016
Vor dem Mythos gab's viele weltliche Probleme. Die Entstehung des legendären Augusta National in einem spannenden Roman. (Foto: Getty)
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Zum Masters-Jubiläum: Die dunkle Seite von Augusta verpackt in einen dreiteiligen Roman. Tauchen Sie ein in ein Stück Golfgeschichte.

„Master Roberts. So nannte ihn mein Großvater. Manche durften Cliff sagen. Clifford Roberts war die treibende Kraft hinter Augusta National: dünkelhaft, opportunistisch, selbstherrlich. Für meinen Großvater Bowman Milligan indes war er wie ein Vater. ‚Gran‘pa‘ war der erste von Augusta Nationals afroamerikanischen Angestellten, er fungierte 40 Jahre als Steward, und ich erzähle Ihnen jetzt die Geschichte von den Anfängen des wohl elitärsten Golfclubs der Welt, die Sie so vielleicht noch nicht gehört haben.“

Der Journalist mir gegenüber beugt sich gespannt vor. Er ist zum 80. Masters extra aus Deutschland nach Augusta gekommen und mir, Bowmans Enkelsohn, zufällig über den Weg gelaufen. Eine Bekanntschaft, die seine Story völlig verändern sollte…


Zwei Mal fast pleite

„Wissen Sie, alle Welt sieht Augusta National, wie es sich heute präsentiert. Grün, farbenprächtig, perfekt und von fast überirdischer Schönheit, streng geregelt, hochmoralisch. Etikette pur. Vor dem Mythos freilich gab‘s sehr weltliche Probleme. Und legale, aber durchaus anrüchige Gegenmaßnahmen. Augusta National war anfangs nämlich notorisch klamm und zwei Mal fast pleite!“

„Das ist ein zeitloses Problem“, unterbricht mich mein Gegenüber. „Golfanlagen sind teuer, schreiben rote Zahlen, ringen um neue Mitglieder…“

„Ja, genau so hat es mir Großvater erzählt. Deswegen ist Augusta National auch keine Insel der Seeligen, seine Historie eher ein Bubenstück mit Gentlemen und Geprellten. Verlockt und verführt von Anspruch und Attitüde eines Clubs, der längst nicht so integer war, wie die Granden in Grün alle Welt glauben machen wollen.“

Geschäftspartner: Golfstar Bob Jones (l.) und Börsenmakler Clifford Roberts. (Foto: Michael F. Basche)

Geschäftspartner: Golfstar Bob Jones (l.) und Börsenmakler Clifford Roberts. (Foto: Michael F. Basche)

Der Journalist greift zum Stift und beginnt, Notizen in ein kleines Buch zu kritzeln. „Erzählen Sie weiter… Lassen Sie sich von mir nicht stören.“

Ich scheine sein Interesse wirklich geweckt zu habe, denke ich kurz und fahre fort.

„Augusta galt von jeher als Winterrefugium für betuchte Nordstaatler, vor allem für New Yorker. Auch Clifford Roberts kam aus dem ‚Big Apple‘. Der Wall-Street-Makler kannte Bob Jones, den größten Golfamateur aller Zeiten, seit 1926. Später nahm er sich dessen Traums vom eigenen, sehr privaten Platz an, wo der Grand-Slam-Champion ohne Rummel um seine Person spielen konnte.“

Wirbelsturm und Fundraising

„Thomas Barrett, Augustas späterer Bürgermeister, empfahl ,The Fruitland‘, einst Indigo-Plantage, dann Baumschule der Familie Berckman und wegen Erbstreitigkeiten seit 1925 brach liegend. Ursprünglich sollte dort ein Hotel entstehen, Unternehmer J. Perry Stoltz übernahm sich jedoch mit diversen Projekten, außerdem verwüstete ein Wirbelsturm sein Prestigeobjekt in Miami. Stattdessen machten sich Roberts und Jones ans Geldsammeln: Fundraising würde man heute sagen. Jones warb mit seinem klangvollen Namen, Roberts verwaltete die Schatulle. Augusta National entstand komplett auf Pump!“

Mein Zuhörer schaut mich etwas irritiert an. „So sind bei uns 90 Prozent der Golfplätze finanziert…“

Meisterwerk: Alister MacKenzies Plan von Augusta National. (Foto: Michael F. Basche)

Meisterwerk: Alister MacKenzies Plan von Augusta National. (Foto: Michael F. Basche)

„Ja, doch damals herrschte Weltwirtschaftskrise, die ,Great Depression‘. Jones und Roberts hatten reiche Gönner, Alfred Bourne, den ,Singer‘-Nähmaschinen-Magnaten. Oder ,Coca-Cola‘-Chef Robert W. Woodruff. Dennoch saß das Geld nicht locker. Augusta National sollte der tollste Platz auf Erden werden, allerdings möglichst wenig kosten. Mit Architekt Alister MacKenzie hatte Bob Jones einen kongenialen Partner gefunden. Der schottische ,Doc‘ versprach überdies kostengünstiges Bauen.“

Profiteure der Krise

„Roberts und Jones kauften das 147-Hektar-Areal 1931 für 70.000 Dollar, MacKenzie machte sich ans Werk. Sie schufen den Platz für weitere 85.000 Dollar. Die Arbeitslosigkeit war hoch, Arbeitskräfte deshalb billig und gefügig. Letztlich waren die Macher von Augusta National Profiteure der Krise. Das ganze Projekt war trotzdem ein finanzieller Drahtseilakt.“

„Das erinnert mich an Luxusanlagen im Nahen Osten oder in Asien“, platzt es aus dem Journalisten heraus. „An soziales Ungleichgewicht, Lohndumping oder ausgebeutete Fremdarbeiter. Ich erzähle Ihnen gelegentlich von Franz Beckenbauer und den angeblich nicht existenten Sklaven in Katar…“

Unsere Blicke treffen sich. Für einen kurzen Moment herrscht Stille. „Ich habe Sie unterbrochen, wie unhöflich von mir“, entschuldigt sich mein Besuch.

Die Gedanken noch bei seinem Einwand, finden wir uns schnell in meiner Geschichte wieder.

„Freunde meines Großvaters, Dan Williams und Joe King, waren Arbeiter auf Augusta National, für zehn Cent je Stunde schwangen sie die Schaufel. Zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Williams hat mal gesagt: ‚Als wäre die Sklaverei wieder eingeführt.‘ Aber draußen standen für jeden Job die Aspiranten Schlange. Der Platz war binnen 76 hektischer Tage fertig, zumal MacKenzie mit den teuren Bunkern knauserte, nur 29 bauen ließ. Beim Architekten selbst wurde ebenfalls gespart, er erhielt lediglich 2.000 ‚Bucks‘ seines 10.000-Dollar-Salärs.“

VIP-Horde aus New York

Pausenlos jagt der Stift übers Papier. Verschnaufpausen gibt es für den Reporter heute nicht. Wir sind mittlerweile beide komplett in die Geschichte eingetaucht.

„Jones spielte Augusta National erstmals am 26. August 1932, eine 72, Par. ‚Gran‘pa‘ erinnerte sich gut an die Herrentour im Januar 1933, als Clifford Roberts mit einer VIP-Horde aus New York anreiste, um den Platz zu eröffnen und ein langes Wochenende voller Lustbarkeiten und ‚Corn Whiskey‘ zu zelebrieren. Ein Jahr später, am 6. Januar 1934, erlag der 63-jährige MacKenzie in Kalifornien einem Herzschlag, noch vor dem ersten Masters, ohne sein Meisterwerk je vollendet erlebt zu haben. Und Kassenwart Roberts hatte den Rest des Honorars gespart…“

Ich stehe auf und gehe Richtung Küche. „Wollen Sie auch einen Kaffee“, frage ich über die Schulter zurück.
„Kaffee?… Ja, gern“, höre ich eine etwas irritierte Antwort. „Aber, wie ging es damals weiter, mit Augusta National?“

„Keine Sorge, Sie werden schon alles erfahren“, beschwichtige ich den Journalisten. „Wir haben genug Zeit und die Geschichte ist noch lang.“

Hier finden Sie den zweiten Teil des Augusta-Krimis

Der Augusta-Krimi: Leere Kassen, hohe Ansprüche

(Erzähler und Journalist sind fiktiv, das Erzählte jedoch entstammt diversen Quellen, z. B. Clifford Roberts‘ Autobiographie)

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Michael F. Basche

Michael F. Basche - Freier Autor für Golf Post

Als Journalist, Golfbetriebsmanager und notorischer Zu-Kurz-Putter ist Michael F. Basche auf vielfache Weise dem Golf verfallen. Nach Jahren als Tageszeitungs-Sportredakteur und im PR- und Marketinggeschäft berät er heute u. a. Golfclubs in Fragen der Corporate Identity. Und widmet sich schreibend den vielfältigen Facetten des Großartigsten aller Spiele.
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