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Der Tiger Woods von damals: „Er wusste nicht, was Liebe ist“

Eine neue Biographie beleuchtet endlich, wie der Superstar wurde, was er war, und was ihn wandelte. Deutliche Worte von Pat Perez.

Eine neue Biographie über Tiger Woods ist erschienen und sie polarisiert. (Foto: amazon.de)
Eine neue Biographie über Tiger Woods ist erschienen und sie polarisiert. (Foto: amazon.de)

Es ist der Wahnsinn: Justin Thomas, Rory McIlroy und Bubba Watson gewinnen bedeutsame Turniere, aber Tiger Woods überstrahlt alles. Wie früher. Die Buchmacher führen den „Comebacker“ nach gerade fünf regulären Tour-Auftritten als alleinigen 9:1-Favoriten fürs Masters kommende Woche, das TV-Personal reibt sich angesichts der Quoten die Hände, die Fans sind eh schier aus dem Häuschen. „Niemand ist größer als das Spiel an sich“, hat Tim Finchem zu seiner Zeit als Commissioner der PGA Tour mal über Woods‘ Bedeutung für den Golfsport konstatiert.

Sogar die Kollegen des 14-fachen Majorsiegers freilich zeigen Symptome von Tiger-Mania und wünschen sich einen Woods aus früheren glorreichen Tagen als Maßstab. „Wie cool wäre es, den besten Spieler aller Zeiten zu besiegen!“, sagt beispielsweise Jordan Spieth. „Im schlimmsten Fall weiß man danach, woran man noch arbeiten muss“, ergänzt Tommy Fleetwood.

„Keiner will den alten Tiger Woods zurück“

Einer tippt sich bei so ‘was an den Kopf. „Die haben doch alle den Verstand verloren“, erklärt Pat Perez ziemlich unverblümt: „Keiner will den alten Tiger zurück!“

Ja, da war doch noch was. Jener Woods nämlich, „der dich nicht anguckt, nicht mit dir redet und sich nicht dafür interessiert, ob du lebst oder stirbst“. Perez lässt ihn mit diesen Erinnerungen wieder auferstehen: den unnahbaren, arroganten, verschlossenen, unfreundlichen, abweisenden, allenfalls herablassenden Heros. Ein Glücksfall für den Golfsport, der indes Handschläge für „Normalsterbliche“ ebenso vermissen ließ wie freundliche Gesten gegenüber Autogrammjägern und manchmal sportliche Haltung – Beispiele hat‘s zuhauf. Den man als Spieler und Phänomen bewunderte, als Mensch hingegen skeptisch beäugte. Der in seinem eigenen Kosmos zu leben schien, bis ihn Verletzungen und der Skandal um seine außerehelichen Affären ins Jetzt und Hier zurückholten.



Als Wunderkind rumgereicht, zum Übergolfer geformt

Myriaden von Zeilen sind über jenen Woods geschrieben worden. Über Sexsucht, Perspektivlosigkeit, die Abhängigkeit von Schmerzmitteln, Therapien… Über den fast unwirklichen Aufstieg und den Fall in ein tiefes Loch, aus dem nun ein neuer, quasi geläuterter Mensch herausgeklettert scheint. Kaum jemand allerdings traute sich an die wahren Ursachen, wer wollte schon am Denkmal kratzen! Ja, es wurde der Drill von Vater Earl Woods zitiert, sein despotisches Verständnis von Erziehung, sein Frauenbild überdies. Dazu die Rolle von Mutter Kultida Woods mit der Mischung aus überhöhter Fürsorge und asiatischem Stoizismus.

Es braucht es keinen Psychologen, um diese Indizien in Klartext zu gießen: Eldrick Tont Woods hatte keine Kindheit, keine Jugend. Er wurde umgetauft und als Wunderkind rumgereicht, als Teenager zum Übergolfer und als Twen zum Superstar geformt. In dem Alter ziehen andere um die Häuser, erproben sich, sammeln Erfahrungen. Woods hat seine Jugend nie ausgelebt, durfte es nicht. Er war eine Inszenierung namens „Tiger“ und irgendwann ohnehin schon zu sehr öffentliche Person.

Kein Wunder, dass sich da mächtig was angestaut hat. Und dann stirbt 2006 Earl Woods: Abrupt fehlt die Leitfigur, plötzlich ist man ein einsamer Milliardär. Mit Anfang Dreißig, viel Nachholbedarf, reichlich anerzogenem Misstrauen, sehr überschaubarer Realitätsnähe und nicht existenter Sozialisierung samt wahren Freunden. Noch Fragen?



400 Interviews, 300 Pressekonferenzen und 120 Seiten Zeittafel

In den USA erscheint gerade eine neue Biographie, die endlich auch diese Aspekte thematisiert. „Mit 21 Jahren war Tiger ein weltbekannter Multimillionär“, heißt es darin unter anderem. „Noch bevor er alt genug war, um sich einen Drink kaufen zu dürfen, hatte er mehr Strahlkraft und Einfluss als mancher Top-Wirtschaftsführer oder Politiker.“ Die Autoren Armen Keteyian und Jeff Benedict, renommierte Journalisten und bekannt für seriöse investigative Recherchen, haben 400 Interviews geführt, davon 250 mit Personen aus Woods‘ engerem Umfeld. Sie werteten 300 Pressekonferenzen des Tigers aus und sichteten nahezu jede gesendete oder gedruckte Aussage, erfassten Leben, Werdegang und Meilensteine auf einer Zeittafel von 120 Seiten Umfang.

512 Seiten über den meistbeachteten Golfer Tiger Woods

Obwohl die Hauptperson nicht Stellung nimmt, zeichnet „Tiger Woods“ mit zahlreichen neuen Enthüllungen sowie verblüffenden Einblicken und Details noch mal ein anderes, ein facettenreicheres „360-Grad-Porträt des meistbeachteten Golfers aller Zeiten“ („Golf Digest“). Inklusive einiger eher unansehnlicher Beispiele vom Verhalten der Herren Earl und Tiger Woods oder den Gerüchten um den Einsatz von Wachstumshormonen nach der Knie-Operation 2008, das darf nicht unerwähnt bleiben.

Vor allem jedoch zieht sich wie ein roter Faden durch die 512 Seiten, so „Golf Digest“ nach Sichtung der Vorab-Auszüge, „wie Woods wurde, was er ist: Auf einzigartige Weise talentiert, weithin bewundert, aber ebenso durch seine Eltern emotional verkümmert“. Die Autoren sagen im Gespräch mit dem Magazin: „Er wusste nicht, wie man liebt, und wie es ist, als Mensch geliebt zu werden. Die einzigen Zuwendungen, die er bekam, war ausschließlich mit Golf und Leistung verbunden.“





„Glücklichster Tiger seines Lebens“

Und dann brach selbst das noch weg, weil der Rücken nicht mehr mitmachte. „In einer einzigen Sache war Tiger der Beste in der Welt. Damit kannte er sich aus. Diese einzige Sache nicht mehr machen zu können, ist vernichtend“, verdeutlichen Keteyian und Benedict gegenüber „Golf Digest“.

Gleichzeitig habe die Leidensgeschichte zur Katharsis und zu dem neuen, dem freundlichen, lockeren, zugewandten Tiger Woods geführt, den man heuer erlebt: „So etwas durchzustehen, macht jemanden bewusster und dankbarer für die kleinen, die einfachen Dinge des Lebens – und in gewisser Weise demütig. Tiger Woods‘ größte bisherige Leistung ist vielleicht, sich aus einem tiefen, dunklen Loch befreit zu haben und wieder wettbewerbsfähig zu sein. Damit gibt er nicht nur den Golffans, sondern jedermann einen Grund, sich an ihm zu orientieren. Möglicherweise erleben wir gerade den glücklichsten Tiger seines Lebens!“

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