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Die nächste Herausforderung: Abhaken

19. Jan 2015
Martin Kaymer kann sein Pech nicht fassen; Finale der Abu Dhabi Golf Championship 2015. (Foto: Getty)
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Der größte Leistungseinbruch in Kaymers Karriere wird den Deutschen prägen – und zu einem besseren Spieler machen.

Martin Kaymer hat am vergangenen Wochenende bei der Abu Dhabi HSBC Golf Championship 2015 den wohl tragischsten Leistungseinbruch seiner eigenen Turnierhistorie erlebt. Drei Turniertage führte Kaymer das Feld an, innerhalb von wenigen Löchern schmolz der Vorsprung dahin und Kaymer gab den sicher geglaubten Titel ab – ein nervenaufreibendes Finale.

Das alles, obwohl Abu Dhabi das Turnier des Martin Kaymer ist; drei Siege hat er dort bereits eingefahren. Von letztem Donnerstag an bis einschließlich zum fünften Loch der Finalrunde hätte jeder auf einen vierten Titel an diesem Ort gesetzt. Bis dahin hatte er den Eindruck vermittelt, dass das, was er da gerade macht, genau das ist, wofür er Golf spielt. Dass er nirgendwo näher bei sich selbst ist als auf diesem Golfplatz, im Kopf nur den nächsten Schlag und den Ball und den Schläger, den es dafür braucht.

Martin Kaymer auf eigenem Golfplaneten

Kaum ein anderer Spieler vermittelt so unzweifelhaft den Eindruck, sich dermaßen in seine eigene Welt zu spielen, dass er sich quasi in andere Sphären hebt. Profis wie Jim Furyk oder Rory McIlroy sahen das in Abu Dhabi genauso und haben, als es soweit war, abgeschenkt: „Sieht so aus, als würde ich morgen um den zweiten Platz spielen“, knirschte Rory McIlroy vor der Finalrunde in Abu Dhabi ins Mikrofon. Martin Kaymer, der Front-Runner; wenn er einmal Fahrt aufgenommen hat, ist er nicht mehr aufzuhalten. Es sind solche Turniere, bei denen man Martin-Kaymer-Fan wird.

Martin Kaymer, Abu Dhabi 2015

Martin Kaymer kann sein Pech nicht fassen; Finale der Abu Dhabi Golf Championship 2015. (Foto: Getty)

Umso eindringlicher die Frage: Was hat ihn am Sonntag dermaßen aus dem Konzept gebracht?

Das etwas nicht stimmte, konnte man Martin Kaymers Gestik recht schnell entnehmen. Statt Selbstvertrauen Zweifel, statt des vertrauten, runden Schwungs ein abgehakter Schlag. Statt des Beobachtens der Ballflugkurve ein überraschter Blick von Kaymer zurück auf die Stelle, wo die Kugel gerade noch gelegen hatte. Was war da los?

Kaymer: „Ich bin geschockt, überrascht“

Natürlich wurmt ihn jetzt dieser plötzliche Leistungseinbruch, wie ihn kaum etwas anderes je gewurmt hat. Nicht wegen des verpassten Titels – ein bisschen vielleicht, aber nicht hauptsächlich deshalb. Vielmehr erstaunt ihn womöglich, dass ein solcher Einbruch überhaupt möglich ist; dass es grundsätzlich möglich ist und auch noch bei ihm, der in keiner Situation so souverän ist, wie bei vier, acht oder zehn Schlägen in Führung. „Ich bin geschockt, überrascht“, hat er nach dem Finale gesagt. „Ich weiß noch gar nicht, wie ich das einschätzen soll.“ Auf seinem Facebook-Profil legte er später nach: „Dennoch kann ich viel Positives aus der Woche mitnehmen, ich habe drei Tage sehr gut gespielt. Heute sind meine schlechten Schläge aber hart bestraft worden.“

Blackouts gehören dazu. Die Leistung ist, sie abzuhaken

Adam Scott bei der Open Championship 2012; zwei Majors später hat er das Masters gewonnen. (Foto: Getty)

Adam Scott bei der Open Championship 2012; zwei Majors später hat er das Masters gewonnen. (Foto: Getty)

Golf ist ein gemeiner Sport. Adam Scott hat auf ähnliche Weise 2012 seinen ersten Major-Titel bei der British Open verpasst. Dabei wurde er nicht einmal von einem titelhungrigen Nachwuchstalent verfolgt, er hat einfach vier Löcher vor dem Ziel angefangen, Fehler zu machen. Kleine Fehler, aber es hat ausgereicht, um an jedem einzelnen der finalen Löcher ein Bogey zu notieren. Ernie Els, der längst im Clubhaus war, hat nur gewartet. Gewartet, dass Scott weitere Fehler macht. Und so war’s dann auch: Der sicher gelaubte Sieg ist Scott zwischen den Fingern zerronnen.

Leistungseinbrüche gehören zum Golf dazu. Es geht nicht darum, ob sie passieren dürfen oder nicht. Sie werden passieren, und zwar jedem. Manche haben das Glück, solche Einbrüche im Training oder bei drittklassigen Turnieren zu erleben, andere müssen sie im Major oder beim Ryder Cup ertragen. Die große Leistung ist nicht, davor gefeit zu sein, sondern sie abzuhaken.

Für Kaymer wird es Sticheleien geben; auf der Tour, im Internet, in der Presse. Es wird eine Zeitlang unangenehm für Kaymer werden. Aber er ist nicht umsonst erfolgreicher Profi. Nach dem Turnier hat er genau das Richtige gemacht: Er hat sich das Positive des Wochenendes rausgepickt und für sich vorangestellt. Richtig so, denn es war spektakuläres Golf, das er drei Tage lang gezeigt hat, es war ein Wochenende voller Spannung, und das alles gleich zu Beginn der Saison. Wenn er die Abreibung aus Abu Dhabi verkraftet hat, wird er stärker daraus hervorgehen. Und vielleicht kann er dann nicht nur als Front-Runner gewinnen, sondern auch als Tailgater.

Golf Post Talk: Kaymers Einbruch in der Diskussion

Knacks für’s Selbstbewusstsein oder nur ein kleiner Stolperstein für Kaymer – was denken Sie?

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Jacqueline Sauer

Jacqueline Sauer - Freie Autorin für Golf Post

Jacqueline mischt bei den redaktionsinterenen Tippspielen ganz vorne mit. Kein Wunder: Die großen und kleinen Namen des Golfs hat sie ständig im Auge, damit der nächste Tipp stets ein sicherer Treffer wird.

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