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Golfspielen in Indien: Zwischen Nobelclub und „Slum Golf“

17. Feb 2015
Die Gegensätze in Indien sind groß. Nur unweit der noblen Golf Clubs spielen die unterkastigen Inder mit teils einfachen Gegenständen ihr eigenes Spiel. (Foto: Youtube)
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Die Golf-Szene in Indien ist so gegensätzlich wie das Land. Der Staat fördert die Öffnung, nicht nur das Kastensystem sorgt jedoch für Mauern.

Ein namhafter deutscher Hausgeräte-Hersteller hat gerade den größten Einzelauftrag seiner Unternehmensgeschichte abgewickelt: 12.000 Einbaugeräte für 3.000 Appartements der „Golf Estates“ nahe Indiens Metropole Delhi. Wer hier eine Wohnung kaufen will, muss rund 500.000 US-Dollar auf den Tisch blättern. Nebenan prunkt der DLF Golf & Country Club mit seinem 18-Loch-Platz aus der Designfeder von Arnold Palmer, Flutlicht, fünf künstlichen Seen und 15.000 eigens gepflanzten Bäumen inklusive.

Im Herzen der Megacity hingegen liegt der Delhi Golf Club, Indiens Augusta National, vor hundert Jahren von einem Schotten als Nebenprodukt seiner archäologischen Passion auf dem Gelände einer alten Begräbnisstätte errichtet und in dieser Woche Schauplatz der Hero Indian Open. Die Bahnen des Lodhi-Kurses sind nach einheimischen Vogelarten benannt und werden von Mausoleen und Grabmalen des 1858 untergegangenen Mogulreichs flankiert – eine andere Welt inmitten der Elf-Millionen-Stadt.


Mauer zwischen Edelplatz und Mega-Slum

Golf in Indien ist so gegensätzlich wie das Land zwischen Atomwaffen-Potenz und Drittwelt-Problemen selbst. Aber: „Golf hat eine große Zukunft“, sagt Generalmajor Abhi Parmar, Chef der Indischen Golf Union. „Das Einkommen unserer Mittelklasse steigt kontinuierlich und Golf wird auch für sie bezahlbar.“

Beispiel Mumbai. Nirgendwo in Indien sind die Golfkontraste stärker als im Moloch an der Westküste des Subkontinents. Genauer gesagt in der Dr. Choithram Gidwani Road. Hier, im Schatten einer hohen Mauer, leben die Caddies von Mumbais drei Golfplätzen. Ihre Wellblechhütten gehören zu Dharavi, einem der größten Slums Asiens. Auf der anderen Seite des steinernen Walls erstrecken sich die grünstrotzenden Fairways des noblen Bombay Presidency Golf Clubs, in dem alter Geldadel und neuer Reichtum die Herrlichkeit der Kolonialzeit aufleben lassen.

Golf in Indien: Britischer Import wie Kricket

Die Briten, wer sonst, brachten das Spiel nach Indien. Als sie die wirtschaftlichen Interessen der Ostindien-Kompanie schützte und in einem „Abwasch“ gleich ihr Empire vergrößerte, installierte die Hegemonialmacht für ihre Upperclass nebst Kricket und Afternoon-Tea auch Golf. Nicht von ungefähr ist Royal Calcutta, gegründet 1829, der älteste Golfclub der Welt außerhalb des Vereinigten Königreichs.

Noch heute sind eine Menge der geschätzt 230 Kurse Indiens ausschließlich dem Militär vorbehalten. Dazu kommen reine Privatclubs – der Delhi Golf Club hat  eine Warteliste von 25 Jahren –, wo die lebenslange Mitgliedschaft erstmal fast 80.000 Euro Einstand kostet. Und Anlagen, die im Kielwasser des Wirtschaftsbooms entstanden, weil Großkonzerne aus aller Welt ganze Dienstleistungsbereiche, ihre Buchhaltung beispielsweise, nach Indien mit seinen gut ausgebildeten, aber lohngünstigen Arbeitskräften auslagerten und Spielwiesen für ihre Manager brauchten. Öffentliche Anlagen freilich lassen sich fast an den Fingern einer Hand abzählen. Noch.

Mit Einrichtungen wie der National Golf Academy in Chandigarh an den Ausläufern des Himalaya, die vom Staat gefördert wird und seit ihrer Gründung 2005 allein 400 Golflehrer ausgebildet hat, „öffnet sich Golf auch Menschen mit schwächerem Einkommen“, berichtet Top-Coach Jessie Grewal: „Das Spiel wandelt sich allmählich von einem Statussymbol zu einem Sport.“

Abenteuerliche Spielgeräte aus Eisenstangen und Wellblech

In Indien gibt es offiziell rund 150.000 registrierte Golfer, aber die Zahl der tatsächlich Aktiven dürfte sich eher bei einem Drittel, maximal der Hälfte einpendeln. Dafür ist die „Dunkelziffer“ derjenigen, die „irgendwie“ Golf spielen, weitaus höher. Nicht zuletzt liegt das am Kastensystem. Die Clubs sind für untere Gesellschaftsschichten nicht nur aus finanziellen Gründen kaum zugänglich. Also spielen sie auf der Straße.

Die Gegensätze in Indien sind groß. Nur unweit der noblen Golf Clubs spielen die unterkastigen Inder mit teils einfachen Gegenständen ihr eigenes Spiel.

Die Gegensätze in Indien sind groß. Nur unweit der noblen Golf Clubs spielen die unterkastigen Inder mit teils einfachen Gegenständen ihr eigenes Spiel. (Foto: Youtube)

Wir nennen es Crossgolf, in Indien ist „Slum Golf“ schlichtweg die Lust am Spiel, trotz Armut und sozialer Hürden. Mit Material, das an Abenteuerlichkeit kaum zu überbieten ist. Die Palette der selbstgebastelten Spielgeräte reicht von zurecht gebogenen Montier-Eisen bis zu „Schlägerköpfen“, die mit der Zange aus Wellblechresten geschnitten sind. Sogar Turniere werden ausgetragen, mit 100 Rupien (1,41 Euro) für den Sieger.

Allen Teilnehmern gemein ist der Traum von der Karriere, so wie Indiens bekanntester Golfer Jeev Milkha Singh oder Shiv Kapur, der Lokalmatador in Delhi, sie geschafft haben. Indes verdient selbst ein Top-Caddie wie Bappu Shahane allenfalls 60 Euro im Monat, aber schon bei Amateurturnieren übersteigt die Nenngebühr von 70 Euro das Monatssalär eines gut gebuchten „Bag Man“. Trotzdem tragen sie Taschen und spielen auf der Straße: „Um mein Spiel auf die nächsten Stufe zu bringen,“ sagt Shahane, „als Golfprofessional.“

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Michael F. Basche

Michael F. Basche - Freier Autor für Golf Post

Als Journalist, Golfbetriebsmanager und notorischer Zu-Kurz-Putter ist Michael F. Basche auf vielfache Weise dem Golf verfallen. Nach Jahren als Tageszeitungs-Sportredakteur und im PR- und Marketinggeschäft berät er heute u. a. Golfclubs in Fragen der Corporate Identity. Und widmet sich schreibend den vielfältigen Facetten des Großartigsten aller Spiele.
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