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Der Golfsport 2016: Viele Gesichter, aber kein Profil

Dem Golfspiel fehlt aktuell die Identifikationsfigur. Auch als Gruppe können Day und Co. es nicht richten. Ein etwas anderer Jahresrückblick.

Im Golfjahr 2016 haben viele verschiedene Golfprofis für Begeisterung gesorgt.
Im Golfjahr 2016 haben viele verschiedene Golfprofis für Begeisterung gesorgt. (Foto: Getty)

Tim Finchem, der scheidende Commissioner der PGA Tour, hat über Golf einmal gesagt, niemand sei größer als das Spiel selbst. Das Ballyhoo um die Rückkehr von Tiger Woods zur Hero World Challenge muss ihn eines Besseren belehren. In Europa versucht Tour-Chef Keith Pelley seinen Circuit mit allerlei Initiativen zu „pimpen“, das Spiel über die handelnden Personen zu erheben. Gleichwohl wird‘s vor allem dann spektakulär, wenn Rory McIlroy namhafte Buddies zur Irish Open einfliegen lässt. Und jetzt kommt die steile und gewiss kontroverse These: Der Golfsport 2016 hatte viele Gesichter, aber kein Profil, ihm fehlt die Identifikationsfigur!

Die Dichte des Jahres 2016 täuscht

Der eine oder andere wird nun sagen: Quatsch! Und fragen: Braucht es die überhaupt? Läuft doch! Haben wir nicht ein tolles Golfjahr hinter uns? Zugegeben, 2016 hat uns mit Dichte in Atem gehalten. Ein gedrängter Major-Kalender, das Olympia-Comeback mit den beiden Europäern Justin Rose und Henrik Stenson ganz vorn, der Ryder Cup, McIlroy und erneut Stenson, die beide Tour-Rankings gewinnen. Das allerdings sind täuschende Momentaufnahmen, nicht von Dauer.

Zur Identifikation mit einer Sache, mit einer Entwicklung, mit einer Epoche braucht es Figuren, davon lebt der Sport. Auch Fußball-Barcelona zu seinen absoluten Hochzeiten war in erster Linie Messi, Iniesta, Xavi, nicht so sehr das System Guardiola. Den Tennis-Boom zu Zeiten von Steffi Graf und „Bobbele“ Becker wollen wir gar nicht erst bemühen, dieses Jahr hat Angelique Kerber ihrem Sport hierzulande neue Vitalität verliehen – was zu beweisen war.

Testimonials und elektrisierende Duelle

Klar, manchmal ist das Turnier der Star. Oder der Platz. Golf freilich hatte zu allen Zeiten Akteure, die das Spiel personifizieren, Aushängeschilder, neudeutsch Testimonials. Tom Morris, Bobby Jones, Ben Hogan, Arnold Palmer, Jack Nicklaus, Tiger Woods, um die größten „Verführer“ zu nennen: Ihretwegen kamen die Fans an den Rand der Fairways. Dazu große, elektrisierende Duelle. Morris vs. Park, Jones vs. Hagen, Hogan vs. Nelson und Snead, Palmer, Nicklaus und Gary Player gegen sich selbst, Woods gegen Phil Mickelson und den Rest der Welt.



Mag sein, Golf an sich ist vielleicht größer als sie alle, hat auch das eine oder andere Interregnum der Idole überdauert und wird fortbestehen, Heroen hin oder her. Zuvorderst indes bereitet das Spiel eine Bühne für seine Protagonisten. Auf die fokussiert sich alles, sie reißen uns mit, fernab des eigenen Mühens um gerade Schläge und passable Scores.

Faszinieren die aktuellen Stars wirklich?

Derzeit gibt es diese prägenden Figuren nicht. Wir freuen uns, dass Dustin Johnson und Henrik Stenson endlich ihr Major gewonnen, dass McIlroy den FedExCup und Stenson das Race to Dubai abgeräumt haben. Wir leiden mit dem verletzungsgeplagten Jason Day und wundern uns über den heuer so unspektakulären Jordan Spieth. Alles schön und gut. Aber faszinieren sie uns tatsächlich? Dominieren sie? Drücken sie dem Spiel ihren Stempel auf? Nicht wirklich.

Vielleicht liegt es ja an den Zeitläuften, die Welt 2.0 bringt nur noch in geringem Maß kantige, gegen den Strich gebürstete Charaktere hervor. Ohnehin werden die dann allenfalls amüsiert zur Kenntnis genommen. Eine Type mit der eisigen, schroffen Unnahbarkeit von Ben Hogan oder der schwitzende, schnaufende Arnold Palmer mit seinen fliegenden Hemdschößen sind heutzutage kaum vorstellbar, im glatt gebügelten System von Performance und Marketing.



Tiger Woods als perfekte Symbolfigur

Tiger Woods, er muss noch mal angesprochen werden, war das perfekte Testimonial. Er hatte die abweisende Aura des einsamen Dominators, ohne sich den Gesetzmäßigkeiten der Branche zu entziehen. Er stand mit seinen golferischen Fertigkeiten für die alte Weisheit, dass das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile. „D. J.“ hat Power, Spieth die Woods‘sche Brillanz mit dem Putter, McIlroy ist seine eigene Marke und zudem schlaggewaltig, Patrick Reed polarisiert mit dem Temperament des Tigers.

Bei Woods jedoch verband sich all das zu einer einzigartigen Melange des sportlichen Charismas, sein Abgang nach dem noch mal großen Jahr 2013 hat ein Vakuum hinterlassen, das seine „Erben“ (noch) keineswegs zu füllen vermögen, nicht mal kollektiv.

Jason Day sagte unlängst, er brenne darauf, sich mit einem Tiger Woods zu messen, der wieder im Vollbesitz seines Spielvermögens ist. Diese Aussage spricht Bände. Es braucht ein Maß aller Dinge, an dem sich potentielle Nachfolger orientieren und messen, an dem sie wachsen. Es braucht die Symbolfigur. Doch, Golf braucht einen Tiger Woods!

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3 LESER-KOMMENTARE Geben Sie jetzt Ihre Meinung zu diesem Thema ab
  1. Ob es nun der Tiger sein muss oder ein anderer; Ja eine Reizfigur täte dem Golf gut.
    Es hängt aber auch mit der , wie im Fussball , Übersättigung zusammen. Die neue Saison beginnt zwei Wochen nach der alten, jede Woche irgendwo ein Turnier, Pflichteilnahmen der Stars, hauptsache den Cut schaffen. Letztendlich spielt alles für die 4 Majors plus WGC Turniere. Und im Fed Ex Playoff wird auch schon mal ein Turnier ausgelassen, sofern der Cut nicht in Gefahr ist.
    Wo soll da die Spannung herkommen ?

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  2. Ihre Sprachfertigkeit ist ein Genuß.

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  3. Thomas Lueders

    Lieber Herr Basche,
    wir Golf-Fans sind doch da in bester Gesellschaft.
    Glauben Sie, daß es einen Menschen in Deutschland gibt, der alle Namen unserer Fußball-Nationalmannschaft kennt?
    Es ist – leider – die Zeit der farblosen Sportler. Jedes Golfland hat eben seinen Martin Kaymer, manche haben sogar mehrere davon …

    Thomas Lüders

    Antworten