Es rauscht immer noch mächtig im Medienwald. Und im Social-Media-Gebüsch drumherum. „Captain Keegs“ hat die sechs Wildcards ausgespielt und sich nicht fürs Team nominiert, das in vier Wochen den Ryder Cup zurückerobern und die USA wieder in den Besitz des kleinen goldenen Henkelmanns bringen soll. Ganze Choräle werden auf den Charakter von Keegan Bradley gesungen, der sich die Doppelrolle als Playing Captain verkniffen und mit seinen Picks Effizienz vor Eitelkeit gestellt hat. So weit, so nett.
Die nüchterne Deklination der Wildcard-Vergabe
Der Ausgang dieser Inszenierung am Montag im Hauptquartier der für das Kontinentalduell jenseits des Atlantik zuständigen PGA of America im texanischen Frisco lässt sich freilich auch sehr nüchtern deklinieren. Beispielsweise so: An Justin Thomas und Collin Morikawa als Siebtem beziehungsweise Achtem des Punkterankings kam Bradley für Bethpage nicht vorbei. Ben Griffin als Neunter drängt sich ebenfalls auf, solange er nicht wieder zu viel Kreatin intus hat wie bei der BMW Championship, und das sogar buchstäblich:
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Cantlay und Burns als Partner für Schauffele und Scheffler
Weiter geht’s: Patrick „Pattie Ice“ Cantlay und Scottie-Scheffler-Buddy Sam Burns waren als ideale Partner für Xander Schauffele und den Weltranglistenersten ebenfalls quasi gesetzt – trotz ihres Hinterbänkler-Daseins als 15. und 16. auf den Listenplätzen. Und sie haben in jüngster Zeit auch gut genug gespielt, um den Zuschlag nicht gänzlich als taktisch motivierte Entscheidung aussehen zu lassen. Indes, Scheffler kann auch ziemlich gut mit Russell Henley, das haben die beiden beim Presidents Cup bewiesen.
Nicht nur der Wyndham-Sieg spricht für Cam Young
Brian Harman wiederum, die Nummer zwölf, passt gefühlt nirgendwo rein und wäre schon in Rom nicht dabei gewesen, wenn er seinerzeit nicht Champion Golfer of the Year gewesen wäre. Blieben noch die drei potenziellen Ryder-Cup-Rookies Andrew Novak, Maverick McNealy und Cameron Young. Hier liegt die Wahl gleichsam auf der Hand. Wenn wird man wohl vorziehen, wenn einer aus dem Trio der Sohn eines renommierten Golflehrers und der eigene Dienstherr die PGA of America ist? Sportliche Legitimation liefert die Tatsache, dass Young im August als 1.000 Erstsieger auf der PGA Tour die Wyndham Championship gewonnen hat und seine Form damit noch eine relative Frische haben dürfte.
Bethpage Black wird fürs US-Team alles andere als ein Selbstläufer
In Summe ist es das, was Bradley meinte, als er dem Sextett attestierte: „Die Jungs haben sich den Platz im Team hart erarbeitet und die Berufung verdient. Sie sind mehr als gut genug, damit wir diesen Ryder Cup gewinnen. Nur das zählt.“ Für den Travelers-Sieger und Weltranglisten-Elften war in diesem Tableau einfach kein Platz mehr. Angesichts eines erwartbar ziemlich starken europäischen Teams wird das Heimspiel auf Long Island trotz der bekannt rabiaten New Yorker Golffans im Rücken alles andere als der ursprünglich Selbstläufer und der US-Kapitän dürfte viel zu sehr gefordert sein, als dass er Kraft und Konzentration für zwei konträre Aufgaben splitten könnte, die jeder für sich schon den ganzen Kerl fordern.
Ohnehin dürfte Bradley genug damit zu tun haben, bei Patrick Cantlay jene emotionale Energie zu wecken, die beispielsweise Bryson DeChambeau in Form eines Taifuns versprochen und Sam Burns schon beim Telefonat mit Bradley an den Tag legte.
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Zur Erinnerung: „Ich will der bestmögliche Kapitän sein“
Spaß beiseite: Beim Blick in den Hintergrund offenbaren sich wieder jene Widersprüche, die schon im Kielwasser von Bradleys Inthronisation aufgetaucht sind – bei aller Gefühlsduselei um die Größe des 39-Jährigen, der alles dafür geben würde, einmal einen Ryder Cup zu spielen, aber erneut außen vor bleibt und jetzt nicht mal Zach Johnson verantwortliche machen kann, der ihm 2023 für Rom einen schmerzhaften Korb gegeben hat, dessen Stachel bis heute sitzt. „Ich bin mit der Sehnsucht aufgewachsen, beim Ryder Cup mitzuspielen und an der Seite dieser Jungs zu kämpfen. Man arbeitet ewig daran, in diese Teams zu kommen, und meine Entscheidung gegen mich hat mir wirklich das Herz gebrochen“, sei Bradley an dieser Stelle zum gefühlt millionsten Mal mit diesem Statement zitiert. Aber er sein nun mal als Kapitän auserwählt worden und wolle nun auch der bestmögliche Kapitän sein, auch das war längst allenthalben zu lesen.
Erinnerung an Prioriäten und Pflichten?
Genau, er wurde als Kapitän gewählt! Aber er war die zweite Wahl und eine Verlegenheitslösung, nachdem die PGA of America zu lange auf Wunschkandidat Tiger Woods und dessen letztliche Absage gewartet hat. Und obwohl der damalige CEO Seth Waugh explizit davon gesprochen haben soll, Bradley auf dem Black Course von Bethpage als Playing Captain sehen zu wollen, dürfte man in Frisco diesbezüglich längst kalte Füße bekommen und den PGA Champion von 2011 an die Prioritäten und seine Pflichten erinnert haben. Der Ryder Cup ist gerade in den gemeinhin vor Nationalstolz platzenden USA fast eine Staatsangelegenheit, da gibt es – Achtung Wortwitz – wenig Spielraum für ureigene Auslegungen der Amtsführung. Erst recht beim Blick auf die Gesamtstatistik des Kontinentalduells, in der die Europäer nach Punkten knapp führen. Da zählt jedes Match.
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Viel Lärm um einen Popanz!
Apropos, die Vergleiche mit Arnold Palmer und der Situation 1963 hinken sowieso. Es gab seinerzeit keine Wildcards, „King Arnie“ war als Kapitän der Kandidat der Herzen und als Spieler in Atlanta überdies nahezu unverzichtbar – zumal der bereits dreifache Majorsieger Jack Nicklaus die Teilnahmebedingung einer fünfjährigen PGA-Mitgliedschaft noch nicht erfüllte. Er war erst 1961 ins Profilager gewechselt. Das ist mit dem nicht zu vergleichen, was heutzutage auf einen Teamchef einprasselt und von ihm zu erledigen ist. Bradley ließ bei der Nominierungszeremonie denn auch durchblicken, dass die Konzentration aufs Kapitänsamt schon vor Wochen klar war. Das macht den wochenlangen Hype um die „Causa Keegs" zur Farce: Viel Lärm um … Ja, um was eigentlich? Um einen Popanz!