Open-Champion Shane Lowry: Vom gehänselten Halbwüchsigen zum gehypten Helden
Aktuell. Unabhängig. Nah.

Open-Champion Shane Lowry: Vom gehänselten Halbwüchsigen zum gehypten Helden

Mit dem Triumph von Royal Portrush ist der Ire endgültig aus dem Schatten des einstigen Amateurpartners Rory McIlroy getreten.

Shane Lowry hat bei der Open seinen ersten Majortitel gefeiert. (Foto: Getty)
Shane Lowry hat bei der Open seinen ersten Majortitel gefeiert. (Foto: Getty)


Was, bitte, war das denn für ein Drehbuch bei dieser 148. Open Championship: Die Bühne ist bereitet für einen triumphalen Auftritt des heimischen Heroen, doch dieser kommt übel ins Straucheln, kaum dass er die Bühne betreten hat; rappelt sich wieder auf, schlägt wacker und mental stark zurück – und muss dennoch in die Kulisse abtreten. Während dem Publikum noch der Schreck in den Gliedern sitzt, eilt aus dem anderen Teil des irischen Landes der Underdog herbei – einst ein gehänselter Halbwüchsiger –, ergreift das brach liegende Banner, avanciert zum Liebling des Volks und reüssiert mit wahren Heldentaten zum Ehrenretter der „Grünen Insel“ wider die ungeliebten Engländer und die amerikanischen Usurpatoren. Kitschig, oder? Außer für Rory McIlroy. Und natürlich für Shane Lowry, der gestern Abend als erster vollbärtiger Sieger seit dem Schotten Bob Ferguson 1882 die Claret Jug küssen durfte. Während das mit dem Gesichtsgestrüpp eher aus dem Handbuch des unnützen Wissens stammt, haben wir nachfolgend ein paar interessante Fakten über den 32-jährigen Iren zusammengestellt.

Aus dem irischen Schatten getreten

Während Lowry dank seiner stattliche Statur selbst einen ordentlichen Schatten wirft und sich überdies gern in Schwarz kleidet, stand er sportlich bislang stets im Halbdunkel, das die Majorsieger vom „Emerald Island“ werfen: Rory McIlroy (4), Graeme McDowell (1), Padraig Harrington (3), Darren Clarke (1) oder Paul McGinley, letztere drei als Ryder-Cup-Kapitäne ohnehin in aller Golf-Munde. Da half es dem Mann aus Clara im County Offaly wenig, dass er als Amateur die Irish Open 2009 gewonnen hat, zudem noch zwei weitere Turniere auf der European Tour und das WGC – Bridgestone Invitational 2015. Der Golf-Globus wiegt halt vornehmlich in der Maßeinheit Major. Jetzt ist Lowry der erste irische Champion Golfer of the Year seit Harringtons Titelverteidigung im Jahr 2008.


„Der kleine Fette mit der dicken Brille“

Lowrys Talent wurde früh erkannt. Star-Trainer Pete Cowen beispielsweise, der heute Brooks Koepka und Henrik Stenson in Schwung bringt, hatte den Iren vor vielen Jahren schon bei einer Talentsichtung gleich neben McIlroy („Rory wird ein Großer“) auf dem Zettel. An den Namen des zweiten Hochbegabten konnte sich Cowen freilich damals nicht erinnern: „Dieser kleine fette Typ mit der dicken Brille.“ Lowry selbst sagt: „Manchmal war es schwierig, ständig mit Rory verglichen zu werden und den Fokus auf ihm zu sehen. Anderseits haben wir, gerade als Amateure, oft zusammengespielt und es hat mit den Umgang mit großen Menschenmasse und mit den Medien gelehrt.“ Aus dem „kleinen fetten Typ“ ist sportlich ein ganz Großer geworden, ein gestandener Golfer, wiewohl nach eigenem Bekunden „grenzwertig trainingsfaul“, und zudem Familienvater, seit 2016 verheiratet mit Wendy und seit 2017 Vater von Iris.

Kompliment vom Kontrahenten

Tommy Fleetwoods Bilanz fiel glasklar aus: „In ein paar Tagen werde ich begreifen, dass ich bei diesem Event immerhin der Zweitbeste von 156 Weltklasse-Golfern war.“ Das werde die erste Enttäuschung über diesen zweiten Platz sicher überlagern. Und: „Shane hat einfach in den entscheidenden Momenten immer die besseren Schläge gehabt als ich. Es war in der Finalrunde so schwierig da draußen, aber er hat nie die Kontrolle über sich und sein Spiel verloren. Und er hat die wichtigen Putts zur richtigen Zeit gemacht.“

Abwegige Karriere, und auch nicht Rockstar

Dabei war eigentlich geplant, dass Shane Lowry in die Fußstapfen von Vater Brendan treten sollte, der eine Berühmtheit des Rugby ähnlichen Gaelic Football ist. Doch Klein-Shane, so Lowry über seine diesbezüglichen Anfänge, war „immer zu langsam“ für das körperbetonte Spiel. Und mochte daran wohl auch nicht viel ändern – siehe Faulheit. „Am liebsten“, sag er, „wäre ich ein Rockstar geworden. Das fand ich damals sooo cool.“Golf hingegen war in der Gegend auch nicht sonderlich angesagt. In Lowrys Schule spielte nur einer von 500 Schülern, nämlich er.

Vater Brendan übrigens feierte während der Tage von Royal Portrush Geburtstag, erhielt eine Torte, indes gestern am frühen Abend sicher das schönste Geschenk. Jedenfalls sah man ihn mal ausgelassen, mal selig mit der Claret Jug tanzen und schmusen.



Das Trauma von Oakmont

Der gestrige Finalsonntag hätte auch Déjà vu-Aspekte haben können. Denn Shane Lowry hat schon mal eine Vier-Schläge-Führung vergeigt. 2016 bei der US Open in Oakmont ging er als Führender nach 54 Loch in den Sonntag und musste den Titel und das erste Major dann doch Dustin Johnson überlassen. Es folgten schwierige Zeiten, bis es Anfang dieses Jahres mit dem Sieg in Abu Dhabi und ein paar ansprechenden Ergebnissen auf der PGA Tour wieder aufwärts ging. Und: Vor Royal Portrush hatte der Ire bei der Open Championship vier Mal in Serie den Cut verpasst. Vergangenes Jahr, nach dem vorzeitigen Aus in Carnoustie, so Lowry, „saß ich im Auto und habe geheult. In diesem Augenblick war ich kurz davor, Golf aufzugeben“.


Der Mann an seiner Seite

Er sieht ein wenig aus wie das ältere Ich seines Chefs: Brian „Bo” Martin ist der Mann an der Seite des neuen Champion Golfers und zudem als waschechter Nordire ein wirklicher „local hero“. Seine Caddie widmete Lowry ganz viel Anteil am Triumph: „Ich konnte während der Runde kaum noch an was anderes denken als an den möglichen Sieg. Oder daran, es wieder zu vermasseln. Ich war unglaublich nervös, fast ängstlich. Doch er hat mir ständig gut zugeredet und mich wieder auf den Boden geholt. Wir sind seit vergangenen September zusammen, und seither spiele ich auch wieder gut. Er hat mir auf dem Platz wieder zu Entspanntheit verholfen und ist genau der Richtige für mich.“

Das Schlusswort des Champions

„Als Ire ausgerechnet hier die Open Championship zu gewinnen – das hätte sich doch keiner gewagt, so vorher aufzuschreiben. Als Kind habe ich mir immer und immer wieder vorgestellt wie es ist, den entscheidenden Putt zum Sieg bei einem Major zu lochen. Und immer war es die Open, von der ich träumte. Jetzt sitze ich hier, habe die Claret Jug in Händen und lese all die großen Namen auf dem Sockel. Ich kann immer noch nicht glauben, dass das wirklich passiert ist.“ Und: „Die nächsten Turniere werden bestimmt langweilig, denn ich werde diese unbeschreibliche Atmosphäre hier vermissen. Die Fans waren unglaublich, sie waren immer mit mir und haben mich förmlich zum Sieg getragen.“