Lange Zeit dachte die junge Spielerin "nur" an ein "normales" Leben und nicht daran, einmal Proette zu werden. Ihr Golfspiel wurde aber stetig besser, bis sie keinen Grund mehr sah, Amateurin zu bleiben, und beschloss, Golfprofi zu werden. Das war vor gut einem Jahr. Seither hat sie ein Turnier der LET gewonnen, ein anderes Mal wurde sie Dritte und verbesserte sich auf Rang 200. Und plötzlich hat sie die Chance, sich für die Olympischen Spiele in Paris zu qualifizieren.
In Bezug auf ihren Schlag ist sie hochkonzentriert. Den Schalter in den Wettkampfmodus könne sie umlegen wie kaum eine Zweite, sagt ihr Schwungtrainer Jeremy Carlsen, der auch Schweizer Frauen-Nationaltrainer ist. Das Wechselspiel zwischen Ambition und Leichtigkeit begleitet Tamburlini seit Beginn der Karriere. Als Kind spielte sie sonntags im Golf-Kindergarten auf dem Platz in Niederbüren bei St. Gallen, während ihre Eltern golften. Mit acht Jahren begann sie selbst zu spielen, mit zwölf hatte sie ihre Eltern überholt.
Richtig seriös mit vier bis fünf Stunden Training täglich wurde das Training erst, als sie mit 14 nach Tenero in die Sportschule ging und die Matur auf Italienisch abschloss. An den Turnieren der U 18 zog sie die Aufmerksamkeit amerikanischer College-Trainer auf sich, und schliesslich konnte sie aus mehreren Vollstipendien auswählen. Sie entschied sich für die University of Mississippi in Oxford, südlich von Memphis. Mit Tamburlini gewann das überaus erfolgreiche Golfteam erstmals die College-Meisterschaft. Denn Golf hat in den USA einen grossen Stellenwert.
Parallel zum Golf schloss sie den Bachelor in Finanzwissenschaften mit Bestnoten ab. Als College-Sportlerin waren die Tage ab dem Fitnesstraining durchgetaktet. Auf der LET darf man auch nicht die Kosten vergessen. Über der LET thront nur noch die LPGA, die mehrheitlich aus Turnieren in den USA besteht. Ob Tamburlini schon dieses oder erst nächstes Jahr versucht, den Sprung dorthin zu schaffen, weiss sie noch nicht. Für dieses Jahr ist Tamburlini finanziell gut aufgestellt - durch Sponsoren, die Sporthilfe, private Gönner oder die Unterstützung des Verbandes Swiss Golf, der den Konditionstrainer bezahlt.
Nun könnte sich auch der Traum von Olympia erfüllen. Die Schweiz darf zwei Spielerinnen nach Paris schicken. Stichtag ist der 24. Juni, massgebend die Weltrangliste. Nach aktuellem Stand liegt Albane Valenzuela auf Platz 65, Morgane Métraux auf Rang 190 und Tamburlini auf Platz 200. Die beiden Erstgenannten spielen auf der LPGA-Tour und können dort mehr Punkte sammeln als Tamburlini auf der LET.