Golfreisen

Wasser des Lebens: Whisky ist das zweite Geschenk der Schotten an die Welt

28. Mrz. 2026 von Michael F. Basche in Campbeltown, Schottland

„Sowohl Whisky als Golf sind mehr als nur ein Getränk und ein Sport; beide können als Metaphern für die Unwägbarkeiten des Lebens selbst angesehen werden.“ (Foto: Matthew Harris für Royal Dornoch Golf Club)

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Pudelmütze, blaue Augen, Sechstagebart, fester Händedruck: „Hi, I’m Doug. Doug Clement“, sagt der lange Kerl im Looper-Leibchen vor der Starterhütte am ersten Abschlag der Kingsbarns Links. Es ist der Auftakt einer sehr besonderen Golfrunde, nicht allein wegen des makellos manikürten, artifiziell ursprünglichen Bucket-List-Platzes. Clement ist im zehn Kilometer entfernten St. Andrews geboren und Mitglied der Crail Golfing Society, finanzierte sein Wirtschaftsstudium durch Caddie-Jobs auf dem Old Course und war irgendwann genervt, weil die Golfer aus Übersee ihn ständig nach Tipps für ein Whisky-Tasting fragten.

 

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Enge Verbindungen zwischen Whisky und Golf

St. Andrews hat zwar prächtig bestückte Liquor Stores, aber im Radius von 50 Kilometern ums Home of Golf gibt es keine Destillerie mehr. Also packte Clement ein Studium der „Destillerie-Kunde“ in Edinburgh drauf – das lässt sich in Schottland ebenso an der Uni lernen wie Greenkeeping – und suchte einen geeigneten Standort.

Investment-Unterstützung fand er bei seinem langjährigen Golfkunden Lord William Wemyss, dem Clanchef der steinreichen Wemyss-Familie. 2012 gründete Clement in einer verfallenen Farm die Kingsbarns Distillery, 2013 wurde der erste eigene Brand in alte Eichenfässer aus Kentucky abgefüllt – etwa zwei verirrte Drives vom 14. Fairway des exquisiten Ensembles entfernt. Mehr persönliche und räumliche Verbindung zwischen Whisky und Golf geht nicht.

(Foto: Garleton Lodge, Haddington/East Lothian)

Die Krux mit der Urheber-Frage: Wer hat’s erfunden?

„Uisge Beatha“, gälisch für Aqua Vitae oder Wasser des Lebens – phonetisch etwa „Üschge Baehe“ –, und das großartige Spiel mit dem kleinen Ball sind Schottlands Geschenke an die Welt. Keine Frage, die Saltire Flag, das diagonal gestellte Kreuz des Heiligen Andreas, weht über eine Menge mehr Vorzügen – Tweed von der Isle of Harris wäre vor allem zu nennen –, doch Whisky und Golf sind nun mal Exportschlager Nummer eins.

Allerdings müssen die Schotten seit jeher mit urheberischem Ungemach klarkommen. Bekanntlich reklamieren die Niederländer, das Spel metten Kolven erfunden zu haben, wenngleich schon die Chinesen der Tang-Dynastie vor mehr als 1.000 Jahren für ihr Chuiwan Löcher buddelten, um mittels unterschiedlich geformter Stöcke Holzkugeln darin zu versenken. Beim Whisky wiederum soll angeblich Irlands Nationalheiliger St. Patrick seine segensreiche Hand im Spiel gehabt haben.

(Foto: The Links House at Royal Dornoch)

James IV.: Whisky-Liebhaber und Golf-Nerd

Tatsächlich brachten wohl irische Mönche die Kunst des Destillierens von Parfüm und medizinischem Alkohol nach Reisen in den Mittelmeerraum auf die grüne Insel. 1405 ist Whiskey, so die irische und amerikanische Schreibweise, in den Annalen von Clonmacnoise erstmals erwähnt – ein Clanchef starb Weihnachten „an einem Übermaß Aqua Vitae“. Knapp 90 Jahre später wurde das Lebenswasser in Schottland ebenfalls aktenkundig. Zuweilen mit derselben Wirkung, wie das Portal WhiskyInvestDirect notiert: „Die Destillation war rudimentär und das Ergebnis war zweifellos sehr stark und manchmal tödlich.“

In den Exchequer Rolls von 1494, dem Steuerregister der damaligen Zeit, findet sich eine Notiz über eine Malzlieferung für „Bruder John Cor, in königlichem Auftrag, um Aqua Vitae zu machen, genug für 500 Flaschen“. Dahinter steckte James IV., Whisky-Liebhaber und gleichermaßen historisch belegter Golf-Nerd, der 1502 seine Untertanen vom 1457 verhängten Golf- und Fußballverbot befreite. So fügte sich vor gut 600 Jahren zusammen, was zusammen gehört.

(Foto: Michael F. Basche)

Getreide, Hefe, Wasser: Grundzutaten für einen Welterfolg

Deswegen ist die Frage „Wer hat's erfunden?“ letztlich lässlich: Die Schotten sind die Schöpfer des Golfsports, den wir heute kennen. Und sie kultivierten das Mälzen, Schroten, Maischen, Gären, Brennen, Lagern und machten so aus den drei Grundzutaten Getreide, Hefe, Wasser den Welterfolg Whisky. Die rund 150 Destillerien in Schottlands fünf Whisky-Regionen Speyside, Highland, Islay, Lowland und Campbeltown exportieren jede Sekunde 53 Flaschen mit der geschützten Bezeichnung Scotch Whisky in rund 180 Märkte auf dem Globus, nach einer Mindestreife im Eichenfass von drei Jahren und einem Tag.

Das sind rund 1,6 Milliarden Flaschen, aneinander gelegt eine Kette von 467.000 Kilometern, die sich elfmal um die Erde wickeln ließe (Stand: 2022). Der Inhalt für weitere zwölf Milliarden Flaschen ruhten Ende vergangenen Jahres noch in 22 Millionen Fässern und wartete auf die Marktreife. Längst erzeugen Amerikaner, Japaner, Australier, Südafrikaner, Engländer oder Deutsche eigenes Uisge Beatha. Selbst in Indien werden jährlich mehr als 130 Millionen Kisten Whisky fabriziert, allerdings auf der Basis von Zuckersirup, der mit Aromastoffen gepimpt wird und kaum lagert, weswegen das Produkt in der EU nicht als Whisky verkauft werden darf.

Genuss für jeden Golfergaumen

Die unendliche Vielfalt der Nuancen gewährleistet Genuss für jeden Gaumen: von mellow (sanft) bis peaty (torfig). Oder besser, für jeden Golfergaumen. Denn egal, wo die Gilde ihre Schläger in den Golfregionen von Schottland schwingt, in East Lothian, Angus und Five, Aberdeenshire, in den Highlands, in Ayrshire, Argyll & Bute mit den Inseln der Westküste oder etwa Moray und und und – es findet sich garantiert eine Destillerie in der Nähe. Spätestens, seit Doug Clement mit seinem Engagement in Kingsbarns das Defizit im Kingdom of Fife beendet hat.

(Foto: Matthew Harris für Royal Dornoch Golf Club)

Ein anderes Beispiel par excellence ist die Ikone Royal Dornoch in den Highlands. Schon als Old Tom Morris 1886 die ursprünglichen neun Loch am Gestade der Nordsee sanierte und erweiterte, hatte der Godfather of Golf die Farm und Destillerie von Glenmorangie auf der anderen Seite des Dornoch Firth im Blick, wo seit 1843 ein milder, schmeichelnder Single-Malt destilliert wird. Prompt taufte er seine neue 13 „Morangie“.


Die Fotos von Royal Dornoch mit (Beitragsfoto) und ohne Whisky (oben) sind dem besonderen Blick von Matthew Harris zu verdanken. Der Engländer mit Wohnsitz in Dornoch und Mitgliedschaft im berühmten Club hat im Lauf von über 40 Jahren als Golffotograf bei 20 Ryder Cups, 150 Herren-Majors, Solheim Cups und Damen-Majors das Geschehen in Bildern festgehalten und zahllose ikonische Motive geschaffen. Dafür ist er jetzt von der PGA of America mit dem „Lifetime Achievement Award in Photojournalism“ ausgezeichnet worden, der entsprechende Festakt findet während der Masters-Woche in Augusta statt.
Wer mehr erfahren mag: Der geschätzte Golf-Sportkamerad Frank Förster hat sich darüber und über viele andere Facetten einer bemerkenswerten Karriere gerade im Podcast „Radio Golfschau" mit Harris unterhalten. Prädikat: hörenswert.


Mittlerweile wird das Auftaktloch des Strue Course so genannt, während die Schlussbahn des Championship Course „Glenmorangie“ heißt. Dann ist ja auch das 19. Loch im neuen Clubhaus nicht mehr weit, und ein Dram in greifbarer Nähe. Das Whisky-Standardmaß und -Glas entspricht 25 bis 35 Millilitern.

(Foto: Another Place, The Machrie)

Die torfigen Destillate von der Isle of Islay

Am entgegengesetzten Ende der Geschmacksgarnitur rangiert der extrem getorfte und dennoch wundersam fruchtige Octomore des Hauses Bruichladdich auf der Insel Islay mit einem Hauch von Seetang im Aroma – was Wunder. Überhaupt scheint das raue, 619 Quadratkilometer große Hebriden-Eiland im Atlantik vor allem aus unberührter Gegend, Flora und Fauna sowie Küstenkäffern wie Laphroaig, Ardbeg, Lagavulin oder Bowmore zu bestehen, deren Namen durch den Whisky weltweiten Wohlklang haben.

Nicht zu vergessen: Another Place, The Machrie, ein feines Refugium mit phänomenalem Golfgeläuf, eingebettet in die Dünen eines unberührten elf Kilometer langen Strands. An der Bar lässt sich dann nach der Runde jedes Loch nachspielen, vis-à-vis sozusagen:

(Foto: Michael F. Basche)

Von den Highlands bis in die Deeside

Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Seien es die Weltklasse-Parcours von Cabot Highland, Castle Stuart und Old Petty, in Inverness und die Zusammenarbeit mit Tomatin-Whisky. Oder die Parkland-Preziose Meldrum House im Schlaraffenland Aberdeenshire mit der Cave Bar und der benachbarten Destillerie Glen Garioch, deren warme Abluft in den umliegenden Gewächshäusern zu jeder Jahreszeit die Beerenfrüchte reifen lässt.

Oder das historische Maryculter House in der Deeside von Aberdeenshire, wo beim Dinner nach alter Jakobiter-Sitte der Whisky von Royal Lochnagar zur Menübegleitung gehört und ein knappes Dutzend Plätze im Umkreis von zwölf Kilometern liegt – inklusive der „hidden gems“ Deeside Golf Club und Stonehaven Golf Club.

(Foto: Tomatin und Cabot Highlands)

Golf und Whisky: Metaphern für die Unwägbarkeit des Lebens

Wer diesbezüglich ein unterhaltsames Vademecum sucht, dem sei das vergnüglich zu lesende „Of Peats and Putts: A Whisky and Golf Tour of Scotland“ von 2019 zu empfehlen. Autor Andrew Brown kommt auf der Suche nach Destillerien und Destinationen zu dem Fazit: „Sowohl Whisky als Golf sind mehr als nur ein Getränk und ein Sport; beide können als Metaphern für die Unwägbarkeiten des Lebens selbst angesehen werden.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ach, doch: „Master Distiller“ Doug Clement hat seine Anteile an der Kingsbarns Distillery längst an den Wemyss-Clan verkauft. Nach einem Zwischenstopp bei der Gin-Produktion widmet sich er sich nun wieder dem Wasser des Lebens und verknüpft Whisky, Golf und Sightseeing in Schottland zu luxuriösen Touren. Der beziehungsreiche Titel des Unternehmens: „Dream to Dram“. Darauf ein Dram und das schottische Prost – Slàinte mhath, gesprochen „Slaan-dsche-wah“, gute Gesundheit!

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