Im ersten Teil seiner Reportage über bemerkenswerte Golfplätze in der Schweiz hat sich unser Reise-Insider Jürgen Linnenbürger der ältesten 9-Loch Anlage gewidmet. Heute stellt er das St. Andrews der Eidgenossen vor.
127 Jahre Schweizer Golf-Turniergeschichte
Von unserem Hotel, dem ‚Grand Hotel Kronenhof‘ in Pontresina, ist es nicht weit zu den beiden 18-Loch Championship-Golfanlagen des ‚Engadine Golf Club‘. Die Gründung der Golfanlage Samedan im gleichnamigen Örtchen geht auf das Jahr 1893 zurück. Sie ist die älteste 18-Loch Anlage der Schweiz und zählt zu den ältesten auf dem europäischen Festland.
Im Gründungsjahr findet hier ein erstes Amateur-Golf-Turnier statt, das noch heute jährlich als ‚Engadine-Amateur-Championship‘ fortgeführt wird. In 1923 folgen erstmals die ‚Swiss Open‘, dem Vorgänger der Omega European Masters, das seit vielen Jahren in Crans Montana stattfindet.
1988 wird der Platz von dem Golfplatz-Architekten Mario Verdieri aus St.Moritz, der auch den dortigen ‚Executive Kulm Golf‘ designed hat, zu einem ‚New Course‘ umgebaut. Im selben Jahr treffen hier erstmals die besten Spielerinnen der Ladies Tour zusammen und tragen in diesem und dem folgenden Jahr die St. Moritz Classic aus.
Interessant sind die Hinweistafeln auf dem Weg vom Clubhaus zur Driving Range. Auf dem WALK OF HISTORY erhalten wir einen hervorragenden Überblick über die Geschichte des Golfsports im Engadin.
Wie man auf obigen Bild erkennen kann, gibt es bereits in den Zwanziger Jahren junge Caddies, die sich ein ‚Sackgeld‘ verdienen.
700 Jahre alte Lärchen
Der Blick von der Terrasse des Clubhauses des ‚Samedan‘ über die Ebene des Flaz Baches auf das Bergpanorama ist beeindruckend. Mittendrin stehen jahrhundertealte Lärchen, deren Spitzen von Sturm und Blitzen zersaust sind. Zum Anlass des 125-jährigen Bestehens in 2018 werden 125 neue Bäume gepflanzt.
Von den gelben Abschlägen hat der Platz eine Länge von 5.919 Metern, bei einem Slope Rating von 133 und einem Course Rating von 71,7. Die entsprechende Werte von ‚Rot‘ sind 5.118 m, 130 und 72,8.
Die Fairways machen ihrem Namen alle Ehre. Sie verlaufen eben und breit durch das flache Gelände. Die teils erhöhten Grüns sind sämtlichst gut verteidigt, sei es durch Bunker, Büsche oder die zahlreichen Wasserhindernisse, die den Platz durchziehen.
Das feuchte Nass gibt es nicht nur als seitliches oder frontales Hindernis, sondern an etlichen Stellen lädt eiskaltes Quellwasser zum Auffüllen der Getränkeflaschen ein.
Die sattgrünen Spielbahnen, die Bunker mit ihrem weißen Sand und die teils welligen Grüns sind sehr gepflegt.
Am frühen Nachmittag setzt regelmäßig der aus Süden kommende, gefürchtete Malojawind ein, der erheblichen Einfluss auf das Spiel nehmen kann. Wir starten früh und haben Glück, von ihm verschont zu bleiben.
Nach neun Loch kehren wir in die ‚Buvette‘ ein, ein kleines Halfway-Holzhäuschen am Waldesrand. Hier stäken wir uns mit leckeren Kleinigkeiten und einem Gletscher Bier aus der Flasche.
Auch die Back Nine ist ebenso angenehm wie entspannt zu spielen. Wir genießen die Runde mit einem sympatischen schweizer Pärchen in traumhafter Umgebung und freuen uns schon auf das Golfvergnügen auf dem zweiten Platz eines der größten Golf-Clubs der Schweiz.
Natur pur auf 1.700 m Höhe
2003 wird der ‚Engadine Golf Club‘ um die Golfanlage ‚Zuoz-Madulain‘ erweitert. Der Platz weist eine völlig andere Topografie als die seiner Schwester in Samedan auf. Auf dem hochalpinen Kurs geht es ständig bergauf und -ab. Das Design stammt von dem kanadischen Golfplatz-Architekten Les Furber, der lediglich vier weitere Plätze in Europa konzipiert hat.
An die Höhenluft können wir uns gleich am ersten Tee gewöhnen. Dorthin führt ein längerer ansteigender Weg, der unsere erste Bergprüfung ist. Von der ca. 30 m erhöhten Abschlagsbox blicken wir auf das breite Fairway mit einem riesigen Bunker in dessen Mitte und die sich dahinter auftürmenden Berge.
Der Par 72-Platz hat von ‚Gelb‘ eine Länge von 5.633 m und von Rot’ 4.662 m. Die Slope bwz. Course Rating- Werte sind 131/71,7 und 130/71,1.
Im weiteren Verlauf bewegen wir uns auf den ersten sechs Löchern vom Clubhaus weg.
An der Zwei erleben wir die romantische Natur dann endlich hautnah: optisch und akustisch. Die nicht zu überhörenden Glockengeräusche kommen von einer Schafherde. Schnell gewöhnen wir uns an die sympatische Geräuschkulisse und finden die nicht vertrauten Töne eine angenehme Bereicherung.
Nach einem etwas längeren Weg durch den Wald werden wir mit einem großartigen Blick auf die beeindruckenden Bergspitzen belohnt. Und mit der Aussicht auf das Grün des unter uns liegenden Par 3 der vierten Bahn mit einer Länge von ‚Gelb‘ von 148 m.
Die Sechs führt uns ans Ende des Platzes und 327 m bergauf. Hier sind wir auf dem höchsten Punkt der Front Nine angekommen. Hinter dem Grün hat sich eine Gruppe von Wanderern platziert, die gespannt auf meinen zweiten Schlag wartet. Leider treffe ich nur den quer davor liegenden Bunker und muss auf deren Applaus verzichten.
Die Sieben ist ein 518 m langes Par mit einem 90 Grad Dogleg und führt uns zurück ins Tal. Hier merke ich zum ersten Mal, dass die Höhe von ca. 1.700 m über dem Meer positive Auswirkungen auf die Länge meiner Schläge hat. Mit dem dritten liege ich auf dem Grün und freue mich über das Par.
Danach warten wieder neugierige Zuschauer auf uns. Ihre Anfeuerungen sind nicht zu überhören, denn nachdem wir das Grün des Par 3 erreicht haben, drängen sie sich dicht an den Zaun und geben akustisch ihr Bestes. Ihre Glocken sind um etliches lauter als die der Schafe an der Zwei.
Wir bestellen telefonisch unseren Flammkuchen und die Getränke, die bei Erreichen der Buvette, dem Halfway-Häuschen, schon auf uns warten. Üblicherweise machen die Flights in der Schweiz einen kurzen Stopp, bevor es auf die Back Nine geht. Diese hat es dann in sich.
Die Grüns der 12 und 13 werden von Wasser geschützt. Dies trifft auch auf die 14, einem Par 3 mit einem Inselgrün und einer Länge von 128 m zu. Männer dürfen etliche Stufen zum Abschlag hinaufklettern und können von oben den spektakuläreren Blick genießen.
Hochalpin wird es dann an der 15. ‚Sicher ist sicher‘ denkt sich die Skischule St. Moritz und stellt an dem mit 379 m von ‚Gelb’ längsten Par 4-Loch einen Buggy mit einem Paar Ski auf dem Dach zur Verfügung. ‚Mann‘ parkt seinen Trolley am Fairwayrand, nimmt das Cart, fährt nach oben, schlägt ab und stellt das Gefährt unten wieder ab. Den Frauen wird auch hier der anstrengende Weg in die Höhe erspart.
Der Abschluss ist ein Par 4, von dem man tief in das Tal Richtung Clubhaus hineinspielt. Das Grün wird rundum von drei Bunkern geschützt, so dass der zweite Schlag noch einmal volle Konzentration erfordert.
Im Anschluss der Runde genießen wir auf der Terrasse des Club-Restaurants ‚Sur En‘ den selbstgemachten, leckeren Kuchen und zwei Cappuccini.
Der Platz präsentiert sich in einem sehr gepflegten Zustand. Wir genießen die tiefgrünen Fairways der abwechslungsreichen Bahnen und die ebensolchen, nicht zu schnellen Grüns. Und natürlich das jederzeit präsente, beeindruckende Alpenpanorama.
Wer sich entscheidet über den Platz zu gehen, sollte über eine gute Kondition verfügen. Auch sollte man darauf vorbereitet sein, dass durch den aufkommenden Maloja-Wind mit bis zu sechs Windstärken ab mittags das Spielen ein völlig anderes wird.
Hoch hinaus
Die Region wird nicht nur von Golfern, sondern vorwiegend von Wanderern, Bikern und Naturfreunden geschätzt.
Ein Muss ist die Fahrt mit dem Sessellift vom Zentrum in Pontresina auf den Alp Languard (2.330 m). Wir hoffen, hier den ‚König der Alpen‘ live anzutreffen, der sich in der Bündner Region besonders wohlfühlt und das Wappen des Kantons ziert. Ca. 1.800 Steinböcke leben hier. Von Ende April bis Anfang Juni kommen sie bis in das Dorf hinab. Jetzt bleiben uns hier oben nur die kunstvoll geschnitzten Exemplare und der informative Rundgang der Steinbock-Galerie.
Mit der knallroten, altehrwürdigen Standseilbahn fahren wir auf den Muottas Muragl, dessen Gipfel in einer Höhe von 2.454 m liegt. Der Aussicht von hier gilt als die schönste über die Oberengadiner Seenlandschaft.
Der Sonnenuntergang , den wir von der Terrasse des hier befindlichen Romantik-Hotels beobachten, ist wie bestellt und zählt zu den bleibenden Eindrücken unserer Tour. Jeden Mittwoch gibt es im Sommer einen Alphorn-Sunset-Apéro, den man sich nicht entgehen lassen sollte.
Auch der Gaumen wird verwöhnt
Überrascht sind wir über das Speise-Angebot eines Hotels, das wir auf einer Staffelei in Pontresina entdecken.
Von dem angebotenen Ragout machen wir keinen Gebrauch, sondern widmen uns lieber einem uns bekannteren Gericht.
Was wäre ein Schweiz-Besuch ohne ein Käse-Fondue? Besonders originell wird dies in einer ehemaligen Gondel in Pontresina’s Zentrum serviert. In einem Säckchen werden die Kartoffeln warm gehalten. Das Restaurant ‚Gondolezza‘ ist sehr beliebt, so dass rechzeitiges Reservieren zu empfehlen ist.
Die herrlichen Tage im Oberengadin könnten für uns nicht schöner sein. Es passt alles. Das Preis-Niveau ist zwar gewöhnungsbedürftig, doch dafür gibt es das großartige Wetter, die klare Luft und das atemberaubende Alpenpanorama gratis dazu.
Die nächste Etappe führt uns nach Bad Ragaz und an den Sempacher See in der Nähe von Luzern zu zwei ‚Leading Courses of Switzerland‘. Wir machen zuvor noch einen Abstecher zum Silvaplanersee, der insbesondere bei Kite-Surfern beliebt ist. Sie ziehen uns ebenso in ihren Bann wie die abermals atemberaubende Kulisse mit dem türkisfarbenen See.
Danach verlassen wir das Engadin über den Julier-Pass, dessen Strecke nicht so kurvenreich wie die auf der Hinreise über den Albula-Pass ist.
Mit dem uns mittlerweile liebgewonnen Glockengeräusch der Schweizer Kühe werden wir auf dem Pass in einer Höhe von 2.283 m stilvoll verabschiedet.














