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Schlägerkopfgeschwindigkeit durch Faszientraining? So geht’s

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19. Jan 2016
Rory McIlroy: Seine Beweglichkeit und fitte, körperliche Konstitution machen ihn zu einem der am weitesten schlagenden Golfprofis der Welt. (Foto: Getty)
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Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Dynamik zu 93 Prozent aus den Faszien entsteht. Bestes Beispiel: Rory McIlroy.

Früher noch in den Praxiskursen der Humanmediziner lediglich als Hülle der Muskeln betrachtet, erlangen die sogenannten Faszien in der heutigen Praxis des Leistungssports und somit auch in der Sportwissenschaft immer mehr an Bedeutung. Dem Training mit Faszienrollen werden wundersame Wirkungen zugesprochen, doch was steckt hinter diesen ‚Werbeversprechen‘? Und was kann man sich diesbezüglich von Rory McIlroy abschauen?

Dynamische Bewegungen zu 93,2 Prozent durch Faszien ermöglicht

Aus medizinischer Sicht sind Faszien die Hüllschicht des Muskels, die dem Muskel Form und Festigkeit geben. Aus sportwissenschaftlicher Sicht dagegen definieren wir die Faszie als jegliches elastisches, kollagenes Bindegewebe, wodurch wir noch z.B. Sehnen, Bänder, Knochenhäute und weitere Gewebe dazu zählen.
Funktionell gesehen macht letztere Zuordnung deutlich mehr Sinn, da die so wichtige Impulsübertragung im Muskel, sowohl über die passiven, also Knochen und Bänder, als auch über die aktiven Strukturen, Muskeln, Sehnen und Faszien, verläuft. Und genau diese Impulsübertragung wird seit nicht langer Zeit dem faszialen Gewebe zugeordnet.

Zum Thema Faszien äußerte sich Mark Verstegen (Fitnesstrainer der deutschen Fußball Nationalelf) im Jahr 2014 folgendermaßen: „Elastic Flexibility is everything“. Worauf er sich dabei bezieht, ist die kürzlich entdeckte elastische Speicherkapazität des faszialen Gewebes. Dynamisch explosive Bewegungen, wie wir sie im Golf im Übergang zwischen Rück- und Vorschwung finden, sind nicht maßgeblich durch Muskeln hervorgerufen, sondern werden zu etwa 93,2 Prozent durch die Faszien ermöglicht. Doch wieso sollte man ein nicht muskuläres Gewebe trainieren?

Trainierte Faszien ermöglichen hohe Schlägerkopfgeschwindigkeit

Besonders Spieler, die körperlich durch eine geringere Körpergröße und -masse im Bereich Driving Distance und GIR bei längeren Löchern Probleme haben, müssen hohe Winkelgeschwindigkeiten erzeugen können. Dafür müssen Impulse im Körper nahtlos und mit hoher Geschwindigkeit weitergeleitet werden, damit daraus eine hohe Schlägerkopfgeschwindigkeit resultiert. Dies kann nur ein Fasziensystem ermöglichen, welches gut versorgt und trainiert werden sollte.

Früher in der Sportwissenschaft sprach man von einer genetischen „Prädisposition“ in der Verteilung der langsamen und schnellen Muskelfasern, die darüber entscheidet, ob jemand weite oder nur sehr kurze Bälle schlagen kann. Heute dagegen beziehen wir die Faszien in diese Überlegung mit ein – für den Sportler eine gute Nachricht, denn diesen Teil können wir deutlich effektiver verändern als unsere Genetik.

Beispiel Rory McIlroy: Optimale Beschleunigung

Betrachten wir nur Rory McIlroy: Seine Statur ist klein und schmächtig, trotzdem ist er statistisch einer der längsten und genausten Spieler vom Tee auf der PGA Tour. Dazu trägt sicherlich nicht nur eine gute Technik und eine entsprechende Genetik in der Muskulatur bei.

In der amerikanischen Sportsendung „Sport Science“ wurde gemessen, dass Rory den Schläger am Ende des Rückschwungs bis zum Treffer des Balls auf 121,5 mph in nur 0,239 Sekunden beschleunigt, so schnell wie kaum jemand anderes auf der Tour. Dies ist nur möglich, wenn die aufgebaute Energie des Rückschwungs optimal für den Vorschwung genutzt wird, also wenn die elastische Speicherkapazität des Fasziensystems optimal funktioniert. Zu dieser Entwicklung trägt bei, dass Rory seine Haltung und Athletik in den letzten Jahren deutlich verbessert hat und so aus besseren Hebel- und Winkelverhältnissen Impulse schöpfen kann.

Gesundes Fasziensystem = größere Weiten

Zudem fanden führende Faszienforscher heraus, dass auch Faszien sich genauso wie Muskeln zusammenziehen, also kontrahieren können. Wenn Sie sich den Vorschwung wie ein Tauziehen vorstellen, bei dem an einem Ende der Schlägerkopf und am anderen Ende Muskeln und Faszien stehen, so wird der Schläger dann mit einem Ruck maximal beschleunigt, wenn Muskeln und Faszien gemeinsam gleichzeitig kontrahieren. Bedeutet für uns:

Gesundes Fasziensystem = höhere Schlägerkopfgeschwindigkeit = größere Weiten bei gleichzeitig höhere Präzision durch kürzeren Schläger

Lange Muskelketten traininieren, Ganzkörperübungen bevorzugen

Was kann können wir nun also tun für unsere Faszien außer über den Tag genügend zu trinken? Bewegung in langen Muskelbahnen! Endlich weg von Krafttrainingsgeräten im Fitnessstudio, bei denen man nur einzelne Muskeln belastet, hin zu Ganzkörperübungen wie zum Beispiel das olympische Gewichtheben mit Reißen, Umsetzen und Übungen, bei denen man auch ganz einfach nur mal ein Medizinball gegen die Wand feuert, egal ob aus der Rotation oder aus einem Überkopfwurf. Seien sie kreativ! Wenn wir das Gesamtsystem stärken wollen, müssen wir auch das Gesamtsystem trainieren und das geht nur mit Bewegungen, die lange Muskelketten aktivieren. Auch Faszienrollen können helfen, aber sind leider nicht im Ansatz zu vergleichen mit manuellen Behandlungen eines Therapeuten.

Lassen Sie sich doch mal in diesem Bereich von einem geeigneten Trainer beraten, denn dieser kann auf sie zugeschnittene Übungen heraussuchen und Ihnen zeigen wie Sie ihre sportliche Leistung durch Faszientraining verbessern können.

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Kevin Speer

Kevin Speer - Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln und Gastautor bei Golf Post

Kevin Speer ist leidenschaftlicher Golfer und forscht als solcher an der Deutschen Sporthochschule Köln im Bereich Training und Leistung. Sein Ziel: Durch seine Arbeit Menschen weltweit zu helfen ihr Leistungsmaximum im und abseits des Sports zu erreichen.

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2 LESER-KOMMENTARE

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  1. Michael Köberich

    Rory McIlroy ist zwar nicht der größte Golfspieler aber muskulär sicher austrainiert. Dass zwischen Muskulatur und Faszien bei der Kraftübertragung ein Zusammenhang besteht ist unbestritten.Von einer aktiven Kontraktion der Faszien zu sprechen ist Wissenschaftlich nicht bewiesen. Da kollagene Fasern kein Myosin enthalten ist eine aktive Bewegung also eher unwahrscheinlich. Ein ausgewogenes auf die jeweilige Sportart bezogenes Training ist immer noch die sinnvollste Art sich zu verbessern.

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    • Hallo Herr Köberich,
      dass kollagene Fasern kein Myosin enthalten ist auch ganz richtig, aber nicht allein Myosin sorgt für Kontraktionen im Körper. Thomas W. Myers spricht in seinen Forschungen im Buch „Anatomy Trains“ von den sogenannten Myofibroblasten, die gewisse Eigenschaften von glatter Muskulatur in sich tragen. Zudem kann das in der Extrazellulärmatrix der Bindegewebszellen enthaltene Aktin durchaus auch einen Zug an der Matrix ausüben.
      Beide Phänomene wurden bereits wissenschaftlich untersucht und man konnte bei einer Untersuchung von Dr. Robert Schleip Faszien von Ratten durch bestimmte Wirkstoffe zur Kontraktion bringen. Aber hier gilt es sicher auch noch mehr zu untersuchen als bisher bekannt ist!
      Auf die Sportart bezogenes Training ist sicher für die Leistung entscheidend, aber für langfristige Gesundheit nicht ein Garant (bsp. muskuläre Dysbalancen, die sich durch einseitige Belastungen entwickeln). Ich empfehle Ihnen, bei weiterem Interesse, sich unbedingt mit anatomischen Zuglinien differenziert auseinander zu setzen. Das Konzept hat schon einigen, aber leider viel zu wenigen Therapeuten und Trainern zu neuen Ansätzen in der Behandlung/ im Training verholfen.
      Ich danke Ihnen vielmals für Ihren Kommentar und hoffe ich konnte noch ein paar Unstimmigkeiten aufklären.
      Grüße Kevin Speer

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