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Zwischen Lachen und Weinen: Shinnecock Hills demütigt die Weltelite

Allerlei von der US Open: Platz siegt, 80 Prozent der Top-10 straucheln, Englands Veteranen Poulter und Rose genießen den Kampf.

Auf der ersten Runde der US Open 2018
Auf der ersten Runde der US Open 2018 "zerlegte" es viele Topstars. (Foto: Getty)

Es ist die alte Golfweisheit: Du spielst gegen dich – und gegen den Platz. Gestern hat mal wieder der Platz gewonnen. Shinnecock Hills erwies sich als „ultimativer Test“, so hat sich die USGA das für ihr Major vorgestellt, nicht unfair, nur garstig und brutal schwierig. „Es ist halt die US Open“, sagt Graeme McDowell, der 2010 in Pebble Beach triumphierte. „Par sollte ein tolles Ergebnis sein. Ich möchte sehen, dass man nicht einfach ,bomben‘ kann, sondern 90 Prozent der Fairways treffen muss, um zu siegen.“ Genau dahin wollte USGA-Boss Mike Davis zurück. Genauigkeit vom Abschlag soll wieder zählen. Zwischen 1997 und 2005 führte der Weg zum US-Open-Sieg nur über einen Top-10-Platz bei der durchschnittlichen Drive-Präzision, für die Champions seit 2006 reichte es hingegen, im Schnitt den 26. Platz dieser Statistik zu belegen.

Gestern freilich ging es zumeist nicht mal mehr um Par, sondern darum, Schlimmeres als Bogeys zu vermeiden. Und das bei den breitesten Fairways der jüngeren US-Open-Geschichte, 38 Meter im Schnitt. Es ist der Wind, der den Unterschied macht, zu Erin Hills 2017 beispielsweise, und „den Platz etwas ,linksy‘ werden lässt“, sagte Titelverteidiger Brooks Koepka. Dazu die genialen Grüns mit ihren erbarmungslosen Umgebungen. Koepka: „Wenn du das Grün auf der falschen Seite verfehlst, darfst du Pingpong an die Fahne spielen, zurück und wieder vor und so weiter.“

Beschwert freilich hat sich niemand. Justin Rose war bloß froh, „dass es vorbei ist“. Und Henrik Stenson, der auf seiner 71er Runde 14 Grüns „in regulation“ traf und damit bester der 156 Starter war, schwankte nach eigener Aussage angesichts der Bedingungen, „die kaum schwieriger hätten sein können“, zwischen Lachen und Weinen: „Wir haben uns dann fürs Lachen entschieden. Das war eindeutig die beste Option, um positiv zu bleiben“.

Feld 1.010 über Par, Top-10 in Summe 52 über Par

Faktencheck: Die nüchternen Zahlen bestätigen, was wir gestern beim US-Open-Auftakt an Desaströsem mitansehen mussten. In der Summe spielte das Feld 1.010 über Par, der Durchschnittsscore auf dem Par-70-Platz lag bei 76,1 Schlägen, und die Tagesergebnisse der zehn weltbesten Pros, von Dustin Johnson bis Hideki Matsuyama, addierten sich auf 52 über Par. Die 156 Teilnehmer trafen 70 Prozent der Fairways und erreichten lediglich 48 Prozent der Grüns „in regulation“, benötigten dort im Schnitt 1,74 Putts. Es gab an diesem einen Tag 200 Doppelbogeys oder schlechter – 2017 waren es 212 fürs gesamte Turnier.



„Bei solchem Wind spielen die Mitglieder Karten“

Ausblick: Anhaltender Wind, allerdings aus Norden, weiterhin kein Regen – das „Gemetzel“ auf den Shinnecock Hills, wie manche Medien den Auftakttag nannten, wird heute munter weitergehen, dafür muss man keine prophetische Gabe haben. Es sei denn, der amerikanische Golfverband USGA hat Erbarmen mit dem gebeutelten Feld und spendiert etwas mehr Wasser, um Fairways und Grüns ein bisschen aufzuweichen. Für Dustin Johnson stehen die Vorzeichen ohnehin ganz gut: Acht Mal hat in den vergangenen 20 Jahren ein Weltranglistenerster die US Open nach dem ersten Tag angeführt, vier Mal endet das auch mit einem Sieg. Apropos Wind: Gestern wehte es aus Westen, erstmals in dieser Woche und unüblich für Shinnecock. ESPN hat nachgefragt, was die Clubmitglieder machen, wenn der Wind entgegen der normalerweise vorherrschenden Richtung bläst? Antwort eines lokalen Caddies: „Sie spielen Karten.“ Mal sehen, für wen der gestern so zerzausten Stars sich heute das Blatt wendet…

„Stolzer“ Dustin Johnson attestiert sich „guten Job“

Tagesbilanz: Es war eine Szene wie aus den Wimmelbildern in Kinderbüchern, am Rand des sechsten Fairways wühlen gefühlt zwei Dutzend eilfertige Helfer im dichten Rough nach Dustin Johnsons Ball, mitten drin fast auf Knien Tiger Woods. Am Ende findet TV-Analyst und Ex-Pro Rich Beem die Murmel, „D.J.“ pitcht aufs Fairway und steckt nach zwei Birdies in Folge das erste seiner gestrigen drei Bogeys ein. Am Ende seiner 69er Runde attestierte sich der Weltranglistenerste: „Bei solchen Bedingungen ist Par ein echt gutes Lochergebnis. Ich glaube, dass ich heute so ziemlich alles richtig gemacht habe.“ Stimmt! Der 33-jährige Longhitter spielte zum 14. Mal in Folge eine Runde im oder unter Par, traf mit dem Abschlag zehn von 14 Fairways, zeigte unter den vorherrschenden Bedingung ein mehr als solides Eisenspiel, traf die Hälfte aller Grüns „in regulation“ und lag mit 26 Putts deutlich unter dem Durchschnitt des Felds. „Es war ein guter Job, ich bin stolz auf mich“, bilanzierte Johnson, der sich damit die Chance bewahrte, als erster Spieler der Geschichte nach einem Sieg in der Vorwoche (St. Jude Classic) auch die US Open zu gewinnen.



Ian Poulter spielt „ganz frei“ auf

Richtungswechsel: Ian Poulter hat‘s nicht so mit der US Open. „Sie ist schwierig, heiß und stressig. Jedes Loch will dir den Zahn ziehen“, sagt der 42-jährige Engländer. Doch diesmal ist alles anders. „Poults“, der 2004 in Shinnecock Hills noch am Cut scheiterte, hat „die mentale Einstellung geändert“. Er sei hier, um sein Golfspiel zu genießen, erklärte er nach der 69er Auftaktrunde, die ihn zum Mitführenden machte: „Es ist für jeden hier schwierig. Heute hatte ich halt einen guten Tag, habe aber noch noch drei Tage vor mir. Doch ich spiele frei auf, und wenn ich ins Rough schieße, dann ist das halt so…“ Wer weiß, vielleicht kann Pouler ja diesmal seine bislang beste Major-Platzierung toppen. 2008 wurde er bei der Open Championship in Royal Birkdale geteilter Zweiter.

Justin Rose: „Genieße diese Plackerei“

Erfreulicher Tag: Justin Rose weiß, wie man mit brutal schwierigen US-Open-Kursen umgeht, der Olympiasieger aus Engländer war 2013 in Merion der bislang letzte Champion mit einem Gewinnerscore über Par. „Es ist vielleicht ein eher schräges Vergnügen,“ sagte Rose über seine 71 und die zwei Schläge Rückstand auf die Spitze, „aber ich genieße solche Schlachten, den Wettkampf und wirklich auch die Plackerei draußen auf dem Platz.“ Der 37-Jährige weiß um „das große Bild“ bei so einem Majorturnier: „Es ging heute darum, dran zu bleiben, eine schlechte Runde zu vermeiden. Auch wenn ich eine 72 oder 73 gespielt hätte, wäre es ein guter Tag gewesen.“

Im Gullane GC war‘s wirklich windig

Relativierung: Wer denkt, es war windig gestern auf Shinnecock Hills, der sollte mal nach Schottland schauen, wo im Gullane Golf Club ein VIP-Zelt für die anstehende Scottish Open heftigst verweht wurde – DAS ist Wind!





Chris Naegel: Vom Pro, der keiner mehr sein wollte

Die „Unbekannter-Hero“-Story des Tages: Vor einem Monat wollte Chris Naegel seine Golfschläger noch an den Nagel hängen, hatte Ehefrau Lindsey nach dem krachend verpassten Cut bei einem Web.com-Tour-Turnier schon informiert, das sei‘s gewesen mit der Karriere auf den US-Minitouren. Die US-Open-Ausscheidung in Texas spielte der 35-Jährige aus Wildwood/Missouri nur, weil er sich halt angemeldet hatte. Genau wie zuvor den Montags-Qualifier zur Nashville Open. Doch wie das so ist: Entscheidungen befreien. Naegel schoss in Nashville eine 64 – ohne Caddie –, wurde beim Turnier Siebter, sicherte sich damit die Web.com-Tour-Karte für den Rest der Saison und löste anschließend im texanischen Shadow Hawk Golf Club in Richmond mit einem Eagle auf dem 36. sowie einem Birdie auf dem ersten Playoff-Loch das US-Open-Ticket. Nach dem ersten Tag auf Long Island ist Chris Naegel 19. (+3), und wir listen jetzt nicht all die großen Namen hinter ihm auf dem Leaderboard…

Auch so geht's: Burmesters Eagle-Finish

Zum Schluss: Nach all den Debakelmeldungen noch etwas positives in Sachen US-Open-Auftakt, denn auch so kann man auf Shinnecock Hills die Runde beenden. Der Südafrikaner Dean Burmester (T46/+59) donnert einen 376-Meter-Drive aufs 18. Fairway und locht dann aus 95 Metern zum Eagle – bääm!

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