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Bad Saarow: Der Spatz in Kausslers Hand

26. Mrz 2015
Das 18. Grün des Faldo Course in Bad Saarow. (Foto: Getty)
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Dass die Entscheidung auf Bad Saarow gefallen ist, verrät viel über den Bewerbungsleiter Kaussler. Sie lebt aber auch vom Einsatz ganz bestimmter Joker.

Welchen Austragungsort hätten Sie für den Ryder Cup gewählt: Einen bereits existierenden Golfplatz, der auf dem Land liegt und Anbindungsdefizite aufweist? Oder hätten Sie auf das zentrale Konzept gesetzt mit dem Risiko, dass alle Bemühungen in dem Moment dahin sein könnten, in dem die Baugenehmigung für das wichtigste Element, den Golfplatz, ausbleibt?

Wählen Sie den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach?


Dass die Entscheidung auf den kleinen Ort Bad Saarow gefallen ist, ist überraschend, weil Groß Kienitz sicher der bessere Standort für einen Ryder Cup gewesen wäre. Aber die Wahl verrät viel über den Mann Marco Kaussler und sein Team. Und sie lebt vom gezielten Einsatz ganz bestimmter Joker.

Die Nähe zu Berlin macht Bad Saarow relevant

So gehört Bad Saarow zwar eigentlich zu Brandenburg, die Veranstalter werden es dennoch als „bei Berlin“ verkaufen können – ein glücklicher Umstand für das A-Rosa-Resort, denn Berliner Nähe ist eine gute Sache. Nicht nur, weil es die Landeshauptstadt ist.

Wenn nun einige Entscheider doch genauer hinschauen, kommt das von Kaussler mit höchster Priorität versehende Logistikkonzept ins Spiel. Ein Faktor, bei dem Kaussler viel rausreißen kann, wenn das Konzept gut organisiert und schlüssig ist – als erfahrener Turnierorganisator für Events wie die BMW International Open in Deutschland, die BMW PGA Championship in Wentworth bis hin zur BMW Championship auf der PGA Tour wahrscheinlich eine der leichteren Aufgaben.

Das Zünglein an der Waage: Beeinflussbare Variablen

Und da sind wir womöglich auch schon beim Knackpunkt, warum es Bad Saarow geworden ist und nicht Groß Kienitz: Die Gegebenheiten am Scharmützelsee in Bad Saarow könnten klarer nicht sein. Der Platz ist fertig und „mit Nick Faldo von einem namhaften Architekten“ (Kaussler). Dort weiß er, woran er ist und womit er arbeiten kann. Zudem seien die Erfolgsaussichten ablegener Plätze seit dem Ryder Cup 2014 gestiegen, argumentiert Kaussler, „und Bad Saarow liegt näher an Berlin als Glasgow an Gleneagles.“
In Bad Saarow kann er also ab sofort nach Lösungen suchen und jongliert dabei fast ausschließlich mit beeinflussbaren Variablen. Jeder, der sich und seiner Arbeit vertraut, empfindet diese Konstellation als vorteilhaft.

Bei Groß Kienitz wäre das genaue Gegenteil der Fall gewesen: Die Lage und der Platz wären hervorragend geeignet, aber ob es den Platz überhaupt so geben wird und ob der Flughafen nebenan fertig wird, liegt nicht in Kausslers Hand. Das Risiko einzugehen, die kommenden sechs Monate voller Konzeptarbeit und Schweiß und Geld in ein Projekt zu stecken, das vielleicht die entscheidende Baugenehmigung nicht erhält, ist für einen Profi wie Kaussler keine akzeptable Situation, denn sie ist schlecht für die Sponsorenakquise, schlecht für die Verhandlungsposition, schlecht für die Motivation des Teams. Groß Kienitz wäre zum Zockerspiel geworden; der Gewinn zwar verlockend, aber das Risiko groß, vielleicht zu groß.
Das ist, so ungewöhnlich diese Entscheidung im ersten Moment auch wirken mag, eine sehr deutsche Herangehensweise.

Politik hat „nachhaltiges Interesse“ bekundet

Von Seiten der Politik und Landespolitik ist fürs Erste keine neue Autobahnausfahrt und kein neuer Fernbahnhof für Bad Saarow in Aussicht gestellt worden. Stattdessen haben das Land Berlin und Brandenburg „ein nachhaltiges Interesse an der Austragung großer Sportevents“ bekundet, „auch zur Förderung des Tourismus.“

Die Tourismus-Förderung kann Brandenburg tatsächlich gut gebrauchen. „Viele Deutsche denken über die Region noch immer, man dürfe sein Auto nicht dorthin mitnehmen“, so ein Beteiligter, der nicht genannt werden möchte. „Aber wie toll die Landschaft in Brandenburg ist, die Wälder, Seen und Golfplätze in Brandenburg, das weiß kaum einer“ – ein Ruf, mit dem auch andere Ecken der neuen Bundesländer zu kämpfen haben.

Die Hoffnung, dass man das mit einem Ryder Cup ein Stück weit ändern kann, ist groß. Und eine in Brandenburg aufgewachsene Angela Merkel ließe sich dafür unter Umständen sogar gewinnen, vor allem, wenn man mit dem Bild eines vereinten europäischen Teams im geschichtsträchtigen Berlin und charmanten Brandenburg locken kann.

Wenn Deutschland mit Bad Saarow den Zuschlag erhält, ist das toll. Aber die Konkurrenz aus Spanien, Portugal, Italien und Österreich ist stark. Wird sich zeigen, ob Kaussler mit dem Spatz dagegen halten kann – oder ob er doch die Taube hätte wählen müssen.


A-ROSA Scharmützelsee Golfplätze

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Juliane Bender

Juliane Bender - Leitende Redakteurin bei Golf Post von Juli 2012 bis Februar 2016

Juliane ist Diplom-Sportwissenschaftlerin. Für sie ist das Faszinierende an Golf: Der Sport ist ein guter Lehrmeister, nicht nur, wenn man gerade den Schläger schwingt. Sie finden Juliane Bender auch unter Google+
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4 LESER-KOMMENTARE

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  1. Vielleicht hätte jemand Herr Kaussler erklären sollen, das es bei dem Wettbewerb keinen „guten zweiten Platz“ gibt. Sein Sicherheitsdenken hilft hier nicht weiter. Entweder er holt den RC nach Deutschland oder nicht… Cut oder missed Cut.. an die zweiten der OPEN erinnert sich niemand… alles andere ist hätte, hätte Fahrradkette.

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    • Ganz richtig, einen guten zweiten Platz gibt es nicht. Ich finde allerdings, man darf Herrn Kaussler durchaus zutrauen, dass er mit seinem Team in der Lage ist, die richtige Entscheidung zu treffen, wie man es am besten auf Platz eins schafft.
      Was hier als „deutsches Sicherheitsdenken“ gegeißelt wird kann durchaus eine sehr gute, vielleicht sogar die einzig richtige Entscheidung sein. Mehr als ein Spatz ist der Faldo-Course allemal. Ich weiß nicht, ob es reicht, das wird sich zeigen.
      Aber: Natürlich kann ich mir einen Adler oder sogar, das passt noch besser zur Sportart, einen Albatross vorstellen und sagen: Ja, wenn wir so einen Albatross hätten, am besten noch mitten in Berlin, dann wäre das schon klasse. Aber mit Konjunktiven ist – das ist mal sicher – noch niemand Erster geworden.

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  2. Um bei Ihrem Wortspiel zu bleiben. Man braucht aber einen (Glen)eagle(s) und keinen Spatz um bei so einem Event zum Zuge zu kommen. Mal sehen, ob Herr Kaussler und sein Team den Spatz noch aufpäppeln können…

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