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Yeh Hsinning: „Golf ist wie die Miniatur eines Lebenslaufs“

Die Profigolferin Yeh Hsinning berichtet im Interview von den Geheimnissen asiatischer Proetten und den Schwierigkeiten einer Golferin in Taiwan.

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22. Nov 2017
Yeh Hsinning aus Taiwan versucht sich auf verschiedenen aistischen Profitouren zu etablieren. (Foto: Hong Kong Golf Club)


Asiatische Golferinnen dominieren nicht nur die LPGA Tour, sondern auch die Weltrangliste. Vorallem aus Südkorea kommen derzeit die besten Spielerinnen der Welt. Taiwan hat es hingegen bisher selten in den Fokus der Golfmedien geschafft. In Person der taiwanesischen Proette Yeh Hsinning bot sich für Golf Post die Gelegenheit, etwas über die Golfszene der auch Republik China genannten Insel zu erfahren.

Die 30-jährige Hsinning wuchs in Taiwan auf und begann im Kindesalter mit dem Golfsport. Heute ist sie seit zwölf Jahren Profi und spielt auf verschiedenen asiatischen Touren, aber auch bei co-sanktionierten Events der Ladies European Tour. Ein Gespräch über steinige Wege, veraltete Vorurteile und das Geheimnis koreanischer Golferinnen.

Golf Post: Wie ist es, in Taiwan mit Golf aufzuwachsen?

Yeh Hsinning: Früher, als ich noch klein war, wurde ich oft ausgelacht von Klassenkammeraden. Sie sagten, Golf sei für alte und reiche Leute. Sport allgemein wird in Taiwan nicht so sehr gefördert. Es ist schwer, Sponsoren zu bekommen und Geld für die Ausbildung. Es ist anders als in den USA oder Japan. In den USA werden Kinder in jeder Hinsicht gefördert. Man muss nicht nur pauken und lernen. Aber Pauken und Lernen sind in Taiwan wie in China sehr wichtig. Sportler in den USA oder Japan werden geachtet. In Taiwan sind Sportler eher Leute, die starke Körper haben, aber eher schwach im Kopf sind. Solche Vorurteile gibt es. Aber in jeder Sportart muss man viel trainieren, wenn man gut sein will. Daher musste mein Vater früher viel mit der Schule sprechen, um mich aus dem Unterricht nehmen zu können. Das war auch für meine Eltern nicht einfach. Meinetwegen hat mein Vater sein Geschäft aufgegeben, dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Golf Post: Warum bist du nicht einen einfacheren Weg gegangen, sondern hast dich entschieden, Profigolferin zu werden?

Yeh Hsinning: Diese Frage habe ich mir auch immer wieder gestellt. Golf ist anders als andere Sportarten. Man muss immer wieder Niederlagen auf sich nehmen. Jeder Tag ist anders, jeden Tag ist das Körpergefühl ein anderes. Es ist nicht einfach, aber das Spiel ist wie eine Miniatur eines Lebenslaufs - Höhepunkte und Niederlagen. Man muss viel nachdenken und auch Phantasie haben. Man muss versuchen, weise zu sein und ruhig zu bleiben. Man sollte bei all den Schwierigkeiten nicht vergessen glücklich zu sein.

Seit einigen Jahren leide ich unter Schilddrüsenproblemen. Die Hände zittern oder man hat keine Kraft in den Beinen. Das kommt vom Druck. Ich erwarte viel von mir und möchte besser werden. Die Eltern und Sponsoren geben einem Geld und erwarten auch etwas, das ist klar. Viele Bekannte haben gemeint, mit dieser Krankheit kannst du nicht mehr spielen. Aber ich meine, ich kann die Krankheit überwinden.

Golf Post: Wie sind die Trainingsmöglichkeiten in Taiwan?

Yeh Hsinning: Ich studiere an der Sportuniversität, da gibt es einen Simulator. Natürlich fahre ich auch oft auf den Golfplatz, aber da muss ich alles selbst bezahlen, das ist keine billige Sache.

Golf Post: Was machen asiatische Golferinnen besser als europäische, dass sie so viel erfolgreicher sind?

Yeh Hsinning: Das hat sehr wahrscheinlich mit der Mentalität zu tun. Der Kulturunterschied ist groß. Um Geld zu verdienen und bekannt zu werden, suchen asiatische Spielerinnen oft den kürzesten Weg. Ob der Weg immer da ist, ist eine andere Frage. Das können die Deutschen meistens nicht. Die Koreanerinnen werden vom Staat sehr stark unterstützt. Sie werden zusammen ausgebildet und trainiert, daher halten sie auch sehr zusammen. Dadurch haben sie oft mehr Selbstvertrauen. Sie sind nicht unbedingt besser, aber wenn sie erscheinen, meinen alle, „Oh, die starken Koreanerinnen kommen“.

Golf Post: Hast du daran gedacht, in ein anderes Land zu gehen, um besser trainieren zu können?

Yeh Hsinning: Vielleicht gibt es bessere Trainingsmöglichkeiten in Korea, aber es ist nicht meine Heimat. Im Ausland muss man sich anpassen. Das ist anstrengend und außerdem kostet es sehr viel Geld. Woher soll das kommen? Ich möchte schon in Korea oder Japan auf der Tour spielen, denn da kann man mehr verdienen.

Golf Post: Was würdest du machen, wenn du keine Profigolferin wärest? Wie wäre es als Golflehrerin?

Yeh Hsinning: Golflehrerin wäre eine Option, aber ich mag den Gedanken nicht. Ich erwarte sehr viel von mir, vielleicht würde ich dann zu viel von meinen Schülern erwarten. Aber es muss einen Plan B geben, denn man kann ja nicht ein Leben lang Golfprofi sein. Ich mache mir schon Gedanken darüber, aber ich weiß es noch nicht genau. Es wird wahrscheinlich nichts mit Golf zu tun haben. Vielleicht wird es etwas ganz anderes, noch aufregender und noch interessanter als Golf. (lacht)

Das Interview führte Tobias Hennig

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Tobias Hennig

Tobias Hennig - Redakteur

Tobias kam im Sommer 2014, während seines Studiums der Germanistik und Politik, als Werkstudent zu Golf Post. Zunächst machte er sich nur die Theorie des Golfsports zu eigen, nun versucht der vielseitig sportbegeisterte Wahl-Kölner, zum teaminternen Handicap-Durchschnitt aufzuschließen. Seit April 2016 erheitern der Redakteur und seine Hündin Mali die Kollegen täglich.
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