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Alexander Klose (DGV): „Weg von den Klein-Klein-Anpassungen“

01. Jun 2015
Alexander Klose, Vorstand Recht & Regularien beim Deutschen Golfverband (DGV), im Interview mit Golf Post. (Foto: DGV/Golf Post)
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Eine „radikale“ Handicapreform hatte Alt-Präsident Nothelfer angekündigt. Wie sie vorangeht und was Golfer ab 2016 erwarten können.

Viel Aufsehen hatte Ex-DGV-Präsident Hans-Joachim Nothelfer mit seiner Ankündigung einer Handicapreform erregt: Er wollte das deutsche Vorgabensystem „radikal“ vereinfachen (siehe Video).

Der Knackpunkt: Golfer sollten sich bis zu einem bestimmten Handicap erstmal nur verbessern können – „bis zur Bogeygolfer-Grenze“ (-18,5), hieß es vonseiten des DGV, solange Nothelfer im Amt war.

Im April 2015 wurde nun mit Claus Kobold ein neuer DGV-Präsident ins Amt gewählt, der Nothelfers Geschäfte übernommen hat. Was dies für die geplanten Änderungen bedeutet, worauf sich die Golfer ab 2016 einstellen sollten und warum der DGV die Änderungen vornehmen will, das haben wir den Vorstand Recht & Regularien des DGV, Alexander Klose, gefragt.

Golf Post: Herr Klose, werden die Pläne für die Handicapreform nach Amtsantritt des neuen Präsidenten Claus Kobold weiterhin verfolgt?

Alexander Klose (DGV): Natürlich. Die Verbandsführung arbeitet seit vielen Monaten daran, den ‚Auftrag‘ der DGV-Mitglieder im europäischen Maßstab umzusetzen: Vereinfachung der Regularien. Hierzu galt es, den Europäischen Golfverband zu überzeugen, was gelungen ist. Das wird nun national umgesetzt, turnusgemäß ab 2016.

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Alexander Klose – Vorstand Recht & Regularien
… ist beim Deutschen Golf Verband (DGV) zuständig für die offiziellen Golfregeln, das DGV-Handicapsystem und die VerbandsregularienSeine Abteilung wirkt bei Strategie- und Strukturfragen des Verbandes mit und unterstützt die Golfclubs bei steuerlichen und rechtlichen Fragen.

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Zur Reform soll auch gehören, dass Handicaps über einer bestimmten Grenze nicht heraufgesetzt werden. Steht die Grenze von –18,5, die dafür bis dato kommuniziert wurde, final fest? Oder gibt es neue Tendenzen?

Alexander Klose (DGV): Es ist ganz einfach: Das Vorgabensystem ist eine Verbandsordnung, die satzungsgemäß durch das Präsidium beschlossen wird. Solange es noch keinen Beschluss gibt, kann ich noch keine verbindliche Aussage machen. Wir haben auch noch ein bisschen Zeit: In 2015 ändert sich ja noch nichts.

Ist es denn sicher, dass die Reform 2016 kommt?

Alexander Klose (DGV): Bedenkt man, mit welchen grundlegenden Entwicklungen wir es im Golfsport zu tun haben und wie sich das gesellschaftliche Umfeld um den Golfsport Jahr für Jahr wandelt, erscheint es richtig, die Kerngedanken des Handicapsystems zu bewahren, aber bestimmte Aspekte gezielt an den Bedürfnissen der neuen Golfergenerationen auszurichten. Eine stärkere Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisse fasst auch unser Schlagwort ‚Handicap 4you‘ prägnant zusammen. Dies wird von vielen Seiten auch gefordert und nicht zuletzt deshalb auch kommen.

Der bis April amtierende, ehemalige DGV-Präsident Hans-Joachim Nothelfer hatte die Reform mit einem „Lebenshandicap“ verglichen. Diesen Begriff finden Sie nicht zutreffend. Warum nicht?

Alexander Klose (DGV): Es gilt weiter im gesamten Vorgabensystem das Prinzip, dass eine Vorgabe möglichst genau das Spielpotenzial eines Spielers abbilden soll. Auch künftig ist nicht Grundidee, dass ein Handicap ein Leben lang in der Nähe des jemals erreichten Bestwerts eingefroren wird.
Allerdings: Einen Neugolfer, der sich die ersten Jahre immer weiter herunterspielt, zwischendurch, wie wir es heute tun, rundengenau hier und da nach einer schlechten Runde mal wieder 0,1 heraufzusetzen, ist überflüssig. Auch den Spieler, der irgendwann bei seinem ungefähr stabil bleibenden Spielpotenzial angekommen ist und dort mal ein paar Schläge schlechter spielt, jedes Mal ein paar Dezimalstellen raufzusetzen, bevor er sich dann wieder herunterspielt, erscheint im Bereich höherer Vorgaben, wo der Wettkampfgedanke nicht so im Vordergrund steht, überflüssig. Und zu guter Letzt: Einen Spieler, dessen Spielpotenzial (z. B. im Alter) dauerhaft nachlässt, darauf zu verweisen, er möge sich doch in den nächsten zehn, 20 oder 50 Wettspielen ‚gefälligst Schritt für Schritt heraufspielen‘, erscheint ebenso fragwürdig.
Deshalb soll bei höheren Vorgaben, also im besonders freizeitorientierten Golf, gelten: Weg von den Klein-Klein-Anpassungen, mein Begriff dazu ist ‚rundengenaue Heraufsetzungen‘, hin zu Heraufsetzungen erst dann, wenn das Spielpotenzial grundlegend und dauerhaft abweicht. Und das gehört dann in die Hände der Vorgabenausschüsse mit den Spielern.

Aus allen Maßnahmen, die möglich gewesen wären: Warum möchten Sie ausgerechnet das Handicapsystem für Einsteiger entschlacken?

Alexander Klose (DGV): Lassen Sie mich, mit einem Augenzwinkern, ein Bild verwenden: Wir müssen zunächst den Staubsauger, mit dem wir neue Menschen ins Golf saugen, mit möglichst viel Saugkraft ausstatten. Und dann soll der frisch gewonnene Golfer auch im Beutel bleiben. Dafür brauchen gerade die Spieler mit höherem Handicap, bei denen das ambitionierte Wettkampfgolf nicht im Vordergrund steht, einfache Regularien.
Wir müssen mehr den unterschiedlichen Spielertypen dienen und möchten deshalb nicht länger allein den Prototyp des vielspielenden Wettkampfgolfers als Orientierung haben. Wir möchten verschiedenen Spielergruppen und –typen in Zukunft mit den Regularien besser gerecht werden. Bei den höheren Handicaps heißt das eben, dass künftig nicht nach jeder einzelnen schlechteren Runde, also rundengenau, das berühmte 0,1 bzw. 0,2 oben drauf kommen soll.

Wir haben viele Rückmeldungen zum Reformvorhaben bekommen, unter anderem von Golfern, die sagen: „Wenn ich mich einmal über die Handicapgrenze gespielt habe und danach nur noch schlechter spiele, werde ich keinen Spaß mehr bei Turnieren haben.“ Was entgegnen Sie diesen Bedenken?

Alexander Klose (DGV): Das ist eigentlich ganz einfach zu beantworten: Es wird kein Handicap ‚für alle Zeit‘ festgesetzt – mit dieser Mär möchte ich wirklich aufräumen. Stattdessen wollen wir die Entscheidung, ob sich tatsächlich das Spielpotenzial nachhaltig geändert hat oder ob es aktuell nur schwankt, dorthin zurückgeben, wo es hingehört: in die Hände der Spieler und Spielerinnen. Sie haben das beste Gefühl dafür, ob sie gerade ein halbes Jahr (z. B. mangels Trainings) etwas schlechter spielen oder ob sie mit ihrem Handicap (z. B. wegen dauerhafter Einschränkungen) insgesamt nicht mehr richtig abgebildet sind. Dann können (und sollen) sie zu ihrem Verein gehen und sagen: ‚Setzt mich doch bitte angemessen hoch und schaut mal in den Computer, was er vorschlägt.‘
Also: Man ist NICHT ein Leben lang festgefroren. Aber es soll ein Ende haben mit unnötigem hoch und runter, solange insgesamt nicht wirklich eine dauerhafte Verschlechterung des Spielpotenzials vorliegt. Ganz natürliche bloße Schwankungen werden heute zum Frust des Spielers nach jeder Runde abgebildet und das brauchen wir nicht.

Das heißt, wer sich zum Beispiel bis -18,5 heruntergespielt hat und nach einiger Zeit feststellt, dass er das Niveau nicht mehr spielen kann, geht zu seinem Clubsekretariat und sagt: ‚Vielleicht ist es besser, wenn ich bei -24 geführt werde.‘ Ist das richtig?

Alexander Klose (DGV): Ja. Der Club hat ja die gesamte Handicaphistorie vorliegen. Wenn sich aus dieser Historie ergibt, dass der Spieler ein deutlich anderes Potenzial aufweist als noch vor einem Jahr oder vor Jahren, dann kann er angepasst werden und dann sollte er dies auch beantragen.
Wobei kein Vorgabensystem dieser Welt mit einem bestimmten Typ Spieler zurechtkommen wird: dem ‚Heraufsetzungsvermeider‘. Wer sein Handicap allein als Statussymbol betrachtet, hält sich heutzutage dem vorgabenwirksamen Spielbetrieb schlicht fern, zukünftig wird er vermutlich keine Heraufsetzung beantragen. Daran können wir aber nichts ändern, denn ein Vorgabensystem ist kein Erziehungsinstrument. Vielleicht schaffen wir aber zumindest eines: Der Heraufsetzungsvermeider (mit einem höheren Handicap, bei dem es keine Heraufsetzung nach einer Runde gibt) nimmt zukünftig wenigstens wieder am vorgabenwirksamen Spiel teil und schadet mit seiner zu niedrigen Vorgabe allenfalls sich selbst; nämlich, wenn er so wenige Netto-Stableford-Punkte erspielt, dass das Spiel keine Freude mehr macht. Dies sollte ihn motivieren, die Heraufsetzung zu beantragen. Und das werden alle die tun, die verstanden haben, welche Bedeutung ein Handicap tatsächlich hat. Und an denen, nicht den anderen, sollten sich auch die Regularien ausrichten.

Um den wettkampfscheuen Spielern gerecht zu werden, hätte man doch auch verstärkt die Trainingsrunden in die Handicapwertung aufnehmen können.

Alexander Klose (DGV): Die vorgabenwirksamen ‚Trainingsrunden‘ haben wir doch schon. Das Handicapsystem nennt sie ‚EDS‘ (Extra Day Scores = vorbgabenwirksame Privatrunden). Nun werden wir ab 2016 aller Voraussicht nach die EDS-Runden auch auswärts erlauben. Bisher ist das begrenzt auf den Heimatplatz. In Zukunft sagen wir: Nein, auch an dieser Stelle ist es uns besonders wichtig, dass die Golfer möglichst viel Golf spielen – egal wo.

Welche weiteren Änderungen erwartet die Golfer ab 2016?

Alexander Klose (DGV): Es kommt ein ganzes Paket, dessen Grundidee ‚Vereinfachung‘ ist: Für Spieler mit höheren Vorgaben benötigt man künftig, mangels rundengenauer Heraufsetzung, auch keine Pufferzonen mehr, CBA soll entfallen, inaktive/aktive Vorgaben gibt es nicht mehr, die zwingende jährliche Vorgabenanpassung durch den Computer auf Knopfdruck entfällt (Entscheidungen nach Ermessen des Vorgabenausschusses), EDS-Runden sollen ab 2016 auch auswärts möglich sein, der Text des Vorgabensystems wird um ein Drittel kürzer sein usw. Alles das ist in der Beratung und das DGV-Präsidium wird nun abschließend zu den Einzelheiten Beschluss fassen.
Ich erinnere noch einmal an den Ausgangspunkt der Beratungen: Wir haben ein ernstzunehmendes Problem in Deutschland: Die Golfspieler spielen weniger. Und es müssen alle gemeinsam – Clubs, Verantwortliche vor Ort – ein großes Interesse daran haben, dass wieder mehr Golf, auch vorgabenwirksam, gespielt wird.

Vielen Dank für das Interview, Herr Klose.

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Juliane Bender

Juliane Bender - Leitende Redakteurin bei Golf Post von Juli 2012 bis Februar 2016

Juliane ist Diplom-Sportwissenschaftlerin. Für sie ist das Faszinierende an Golf: Der Sport ist ein guter Lehrmeister, nicht nur, wenn man gerade den Schläger schwingt. Sie finden Juliane Bender auch unter Google+
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