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Genius „Young Tom“ Morris: Der Tiger Woods seiner Zeit

13. Jul 2016
"Tommy's Honour": Ein Film über Tom Morris Jr, dem Sohn von "Old Tom" Morris und möglicherweise eines der größten Golftalente seiner Zeit. (Foto: Michael Basche)
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Buch und Film würdigen früh verstorbenen vierfachen Open-Sieger von Prestwick. Diesjähriger Schauplatz Royal Troon direkt nebenan.

Das Buch zum Film: Tommy's Honour. (Foto: Michael Basche)

Das Buch zum Film: Tommy’s Honour. (Foto: Michael Basche)


Der Claret Jug: Bloß 51,2 Zentimeter groß, allerdings eine der berühmtesten Trophäen auf dem Globus, Symbol für das älteste Major der Welt. Alsbald wird in Royal Troon wieder ein „Champion Golfer of the Year“ auf dem mittlerweile dreistufigen Sockel verewigt, zum 145. Mal. Ganz am Anfang steht ein Name, der vor lauter Jack Nicklaus, Tiger Woods oder Bobby Jones nicht auf Anhieb fällt, wenn über die besten Golfer aller Zeiten philosophiert wird: Thomas Morris Jr., der Sohn des Golf-„Paten“ Old Tom Morris, vierfacher Open-Sieger in Reihe und zu früh verstorben auf dem Weg in die sportliche Unsterblichkeit.

Eindrückliches Buch, bildüppiger Film

Mit seinem Buch „Tommy‘s Honour“ hat Kevin Cook diesem Genius ein bibliophiles Denkmal gesetzt, in meisterlicher Erzählkunst beschreibt der US-Journalist eine Epoche, die das Spiel geprägt und den professionellen Golfsport begründet hat. Die üppigen Bilder dazu liefert jetzt Jason Connery, Filius von Leinwandlegende Sean Connery. Unter seiner Regie wurde Cooks Werk verfilmt und unlängst in Edinburgh präsentiert, als Reverenz vor den beiden Morrises und trefflichen Einblick ins Leben der damaligen Berufsgolfer, nicht nur auf den Links. Vor allem jedoch sind Buch wie Film eine Hommage an „Young Tom“, der seinerzeit alles in Grund und Boden spielte und sich auch im heutigen Profizirkus zu behaupten wüsste.
Tommy Morris, so geben es Chroniken wieder, hatte „Handgelenke wie ein Grobschmied“ und einen „Schwung wie ein Springmesser“, schon sein energisches „Waggeln“ ließ manchmal den Hickory-Schaft des Schlägers brechen. Er drehte derart weit auf, dass er kaum den Ball sehen konnte, schlug schnell und gewaltig, das erinnert an Rory McIlroy. Damals wünschte man sich nicht „schönes Spiel!“, sondern „weit und gerade!“, Morris war das personifizierte „far and sure“, ein Longhitter, der gestandene Cracks permanent kurz ließ.

„Unerreichter Athlet“

Überliefert ist beispielsweise sein „Albatross“ auf dem 578 Yards (528 Meter) langen Startloch von Prestwick zum Auftakt der Open 1870, es wäre ein Par sechs gewesen, wenn‘s den Begriff schon gegeben hätte. Morris lochte den dritten Schlag mit einem „Cleek“, dem Vorläufer des heutigen Eisens eins oder zwei. Das hat was von Dustin Johnson, bedenkt man die archaische Machweise des Spielzeugs der Altvorderen: gedrechselte Schäfte, Hölzer mit eher flachen, langnasigen Köpfen, grob gebosselte Eisen ohne Grooves, dazu handgemachte Kautschukbälle aus dem Saft des asiatischen Guttapercha-Baums mit gehämmerten Riefen als Dimples. Die Plätze zudem waren holprige Wiesen, die Grüns von der Oberflächengüte heutiger Fairways, wenn überhaupt.

Auf diesem Terrain und mit solch „steinzeitlichem“ Material wurde Morris-Junior 1868 im Alter von 17 Jahren der bis heute jüngste Champion-Golfer, „schoss“ im Jahr drauf auf dem 152 Meter langen „Station Hole“ von Prestwick das erste Ass der Open-Historie, spielte im Mai 1870 bei einem Turnier auf dem Old Course von St. Andrews eine 77er Runde (!) und gewann später auf Prestwicks Zwölf-Loch-Kurs mit 149 Schlägen für die drei Durchgänge zum dritten Mal hintereinander den „Challenge“-Gürtel.

„Shotmaker“ mit zwei Puttern

"Old Tom" mit "Young Tom". (Foto: Michael Basche)

„Old Tom“ mit „Young Tom“. (Foto: Michael Basche)

Während der 19-jährige Triumphator die Bauchbinde aus rotem Saffianleder und viel Silber endgültig behalten durfte, bejubelte die Presse den „stattlichen, in allen Bereichen des Golfspiels unerreichten Athleten“.

Tom Morris Jr. war der Tiger Woods seiner Zeit. Phasenweise deklassierte er die Konkurrenz. Und so, wie der Vater den Golfplatzbau und die Kurspflege revolutionierte, erfand sein Sohn das Spiel neu. Geboren am 20. April 1851 in St. Andrews und aufgewachsen in Prestwick, war Tommy der erste echte „Shotmaker“.

Er nutzte das sogenannte „rut-iron“, eine starkloftige Kelle für Bälle in miesen Lagen als Lob-Wedge und verblüffte mit nie zuvor gesehenen Varianten im Schlagrepertoire. Überdies schleppte er zwei Putter mit sich rum, je nach Beschaffenheit des Grüns, und muss geputtet haben wie ein Jordan Spieth in Bestform. Dank seines Ruhms konnte er sogar Antrittsgeld verlangen – und bekam es auch.

Drama um Frau und Kind

Den Claret Jug hat Morris Junior gleichwohl nie in der Hand gehabt. Als er 1872 in Prestwick die Open Championship zum vierten Mal gewann, war der Krug noch in Arbeit, im Jahr zuvor hatte die Open mangels neuer Trophäe tatsächlich ausfallen müssen.

Es ist von besonderer Tragik, dass dieses Golfgenie bereits in jungen Jahren abberufen wurde, wer weiß, wie lange Morris dominiert hätte. Doch während eines spätsommerlichen Showmatches mit seinem Vater in North Berwick kam die Nachricht von Komplikationen bei Tommys im neunten Monat schwangeren Ehefrau Margaret. Mutter und Sohn starben im Kindbett, Tommy Morris verfiel in Schwermut, trank zuviel, spielte kaum und allenfalls lustlos Golf. Am ersten Weihnachtstag 1875 fand sein Vater den 24-Jährigen tot im Bett. Die Ärzte diagnostizierten eine Lungenblutung, die Legende freilich weiß es besser: Es war das gebrochene Herz …

Michael F. Basche

Michael F. Basche - Freier Autor für Golf Post

Als Journalist, Golfbetriebsmanager und notorischer Zu-Kurz-Putter ist Michael F. Basche auf vielfache Weise dem Golf verfallen. Nach Jahren als Tageszeitungs-Sportredakteur und im PR- und Marketinggeschäft berät er heute u. a. Golfclubs in Fragen der Corporate Identity. Und widmet sich schreibend den vielfältigen Facetten des Großartigsten aller Spiele.
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