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Der Old Course in St. Andrews: „Von Genies angelegt“

19. Jul 2015
Der Old Course von St. Andrews gilt als Ursprungsort des Golfsports. (Foto: Getty)
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Der Open-Schauplatz war Dreh- und Angelpunkt der Golf-Entwicklung und Genius Loci für Architekten, wurde aber auch missverstanden.

Beinahe wären die Kaninchen zum Spielverderber geworden. Golf hätte sich vielleicht anders entwickelt, diese 144. Open Championship und ihre 28 Vorgänger hätten womöglich gar nicht stattgefunden. Vor gut 200 Jahren nämlich vermehrten sich die Nager vor den Toren des schottischen St. Andrews derart, dass sogar der damals bloß knapp fünf Hektar große Golfplatz übel in Mitleidenschaft gezogen wurde. Bloß, weil die klamme Stadt ihre Allmende zwecks Kaninchenzucht 1797 an die Dempsters, eine örtliche Kaufmannsfamilie, verscherbelt hatte.

Von Fama und Fakten überwucherter Old Course

Der Verkauf verstoße gegen das 1552 durch Erzbischof John Hamilton verbriefte Recht der Bürger von St. Andrews, auf den kommunalen Links unter anderem zu golfen, beschwerte sich 1801 Golfspielführer George Cheape. Jahrelang beschäftigte der „Kaninchenkrieg“ sogar das Gericht in Edinburgh, dann lösten die Karnickel das Problem selbst, indem sie sich von einer Seuche dahin raffen ließen. 1821 schließlich kaufte Cheapes Sohn James das nunmehr wertlose Gelände zurück und übertrug es der Stadt.


52 Jahre später, am 4. Oktober 1873, fand erstmals eine Open Championship auf der Wiese statt, die als Old Course zum Inbegriff eines Golfplatzes werden sollte: Mutter aller Parcours, Blaupause für große Designs in aller Welt, Wiege des Golfsports, Schauplatz besonderer Momente, Dreh- und Angelpunkt für den Fortgang des Spiels, von Fama und Fakten förmlich überwuchert.

1754 schlossen sich 22 Herren von Stand und Rang zur Society of St. Andrews Golfers zusammen. Zehn Jahre später vereinten sie ein paar zu kurz gewordene Bahnen ihres 22-Loch-Platzes und schufen damit den 18-Loch-Standard. 1834 adelte König William IV. die Herrenrunde, aus der Golfgesellschaft wurde der Royal & Ancient Golf Club of St. Andrews, dessen Ableger R&A heute die Geschicke des Spiels in aller Welt außer den USA und Mexiko bestimmt.

Relikt alter Zeiten – Riesige Doppelgrüns

1848 entwickelte Dr. Robert Paterson als Student in St. Andrews den Guttapercha-Ball, der den teuren, weil handgemachten Featherie ersetzte und dessen kautschukähnliches Material endlich eine Massenproduktion und damit einem breiteren Kreis den Zugang zum Golf ermöglichte.

Dann kam die Ära des legendären Old Tom Morris, der als „Custodian of the Links“ zum Patriarchen des modernen Spiels wurde. Morris verschaffte dem strategischen Design neuen Raum, führte das Besanden zur Pflege von Fairways und Grüns ein, erfand die Grassoden-Bauweise der Pottbunker, das Layout der Doglegs und den Locheinsatz fürs Grün.

Als erste Amtshandlung quasi separierte Old Tom die Eins und die 18, machte eigenständige Bahnen aus dem Auftakt und dem Schlussloch. Ansonsten wurde der Platz weiterhin in beide Richtungen bespielt, „out“ und „in“ nebeneinander über die ausladenden Fairways. Noch heute haben nur die Löcher eins, neun, 17 und 18 eigene Puttflächen, alle anderen Bahnen enden auf enormen Doppelgrüns, die zwei und die 16, die drei mit der 15, und so weiter. Das Doppelgrün für die Löcher fünf und 13 beispielsweise ist gut 4.000 Quadratmeter groß.

„Miesestes Stück Dreck, das ich je gesehen habe“

„Man muss den Old Course mehrfach spielen, um ihn zu verstehen, denn er wurde von Genies angelegt“, hat Gary Player mal gesagt. In der Tat haben viele Spieler den Nimbus des Old Course auf Anhieb nicht erkannt. Der US-Profi Scott Hoch nannte ihn „das mieseste Stück Dreck, das ich je gesehen habe.“ Als Sam Snead 1946 nach St. Andrews kam, fragte er beim Blick aus dem Zugfenster, was das denn für ein „gottverlassener Golfplatz“ sei und meinte nach Aufklärung ungläubig: „Und auf so‘was richten sie die British Open aus?“ Ein paar Tage später hielt er den Claret Jug in Händen.

Bobby Jones schließlich reiste beim ersten Auftritt 1921 völlig entnervt und vorzeitig ab, nachdem er seinen Ball auf der 11 in einen Topf-Bunker bugsiert hatte. 1927 kam Jones wieder, gewann in St. Andrews seine zweite Open und wurde gefeiert, später sogar zum Ehrenbürger ernannt. 1930 schließlich legte er mit dem Gewinn der „British Amateur“ auf dem Old Course den Grundstein für den Grand Slam und formulierte anschließend eine Liebeserklärung: „Wenn ich in meinem Leben nur die Erfahrungen von St. Andrews gemacht hätte, dann wäre es trotzdem ein reiches, erfülltes Leben.“

St. Andrews als Inspiration für große Designs

Für den Uneingeweihten macht der Old Course tatsächlich nicht viel her, erscheint auf den ersten Blick völlig überbewertet. Erst recht sonntags, wenn die öffentliche Anlage mit jährlich knapp 55.000 Golfrunden gemeinhin geschlossen ist und St. Andrews‘ Bürgern zum Lustwandeln zur Verfügung steht. Doch der Genius Loci des weitgehend von der Natur ins Gelände gelegten Platzes, dessen Überarbeitung für die 2015er-Open einen Sturm der Kritik auslöste, hat seit jeher die Golfplatz-Architekten beeinflusst. Alister MacKenzie holte sich hier ebenso seine Inspirationen für Augusta National wie Donald Ross für Pinehurst, Charles Blair Macdonald für die National Golf Links of America oder in der Neuzeit Tom Doak für Pacific Dunes.

Wie schwärmte doch Australiens fünffacher Open-Champion Peter Thomson einst über seinen ersten Eindruck vom Old Course: „Alle meine Vorstellungen bestätigten sich angesichts dieses heiligen Bodens. Mir war, als sei ich im Himmel.“


Daumen hoch, die Open Championship beginnt!

Michael F. Basche

Michael F. Basche - Freier Autor für Golf Post

Als Journalist, Golfbetriebsmanager und notorischer Zu-Kurz-Putter ist Michael F. Basche auf vielfache Weise dem Golf verfallen. Nach Jahren als Tageszeitungs-Sportredakteur und im PR- und Marketinggeschäft berät er heute u. a. Golfclubs in Fragen der Corporate Identity. Und widmet sich schreibend den vielfältigen Facetten des Großartigsten aller Spiele.
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